wladimir kaminer zum kriegsbeginn

Dafür? Dagegen? Egal

Der Krieg ist ausgebrochen, so unvermeidlich wie der Frühling in Deutschland

Nachts klingelte in meinem Hotelzimmer in Köln das Telefon, die taz-Chefredakteurin rief aus Berlin an. „Wach auf, Wladimir, der Krieg ist ausgebrochen!“ „Was? Wo?“ Nicht dass ich es nicht wusste. Seit Monaten haben alle auf diesen Krieg gewartet, die Medien leisteten Überzeugungsarbeit – unvermeidlich, der Krieg, obwohl die meisten doch für den Frieden sind.

Unser alter Bekannter, der im Auswärtigen Amt arbeitet und gerade eine Woche in Washington verbracht hat, um dort die Stimmung zu erforschen, schüttelte nur den Kopf, als er zurückkam: Unvermeidlich, der Krieg. Selbst wenn der Papst dorthin führe, zusammen mit dem französischen und dem chinesischen Premierminister. Das gilt auch für Friedensfreunde aus dem alten Europa. Hunderte Russen, die seit Wochen vor der irakischen Botschaft in Moskau stehen und sich als Freiwillige für den Kriegseinsatz im Irak melden wollen, denken dagegen nicht an die friedliche Lösung des Konflikts, sie wollen mit der Waffe in der Hand den amerikanischen Imperialismus bekämpfen. Aber die meisten meiner Landsleute sind friedlich gestimmt.

Auch mein Vater, der Ingenieur, hat sich nach seiner Pensionierung plötzlich zu einem großen Philosophen fatalistischer Prägung entwickelt. Oft und gern spricht er vom Krieg. In jedem Mann stecke ein Soldat, meint mein Vater, und dieser innere Soldat steuere auf den Krieg zu, egal ob der Mann nun selbst dafür oder dagegen sei. Alles gehöre zusammen, ohne Krieg gäbe es keinen Frieden. Er selbst hat es gelernt, seinen inneren Soldaten zu verstecken, und ist natürlich für den Frieden.

Sein Halbbruder, der in Israel lebt, ist für den Krieg. Als langjähriger Israeli erinnert er sich immer noch gern an den ersten Golfkrieg, als Saddam seine Scud-Raketen auf Israel abschoss. „Die Fernsehmoderatoren gaben damals jedesmal die Warnung aus: ,Achtung! Achtung! Raketenangriff! Drei Minuten bis zur Landung, bitte ziehen Sie Ihre Gasmasken über und gehen Sie in den Keller.‘ “ Viele Israelis schnappten sich jedoch ihre Ferngläser und kletterten auf die Dächer, um das Feuerwerk zu beobachten. Die Fernsehmoderatoren versuchten die Menschen zur Vernunft zu bringen. „Hört auf damit, auf die Dächer zu klettern“, sagten sie. „Und dann womöglich noch bei uns im Studio anzurufen und zu erzählen, wie toll es draußen geknallt hat“, fügten sie hinzu. Von diesen Raketen soll Saddam noch ein paar dutzend versteckt haben, behaupten jedenfalls die Amerikaner. Nun werden die Israelis im Falle eines Angriffs nicht drei, sondern ganze sechs Minuten zur Vorbereitung haben: Das Frühwarnsystem ist verbessert worden.

Auch mein Freund Roman, der als Langzeitarbeitsloser in L.A. lebt, ist für den Krieg. „Zuerst war ich dagegen“, schrieb er mir neulich in einem Brief. Aber dann habe ich mir die ganze Scheiße noch mal durch den Kopf gehen lassen, und dachte, warum eigentlich nicht?“

Ich fahre inzwischen von Köln weiter nach Leipzig zur Buchmesse, schaue aus dem Fenster – überall Frühling, der unvermeidlich ist. Die Passagiere im ICE sprechen über den Irak, über Bomben, die auf Bagdad gefallen sind, sie hoffen auf ein baldiges Ende des Krieges.

Ach, Deutschland, ob Rheinland oder Sachsen – ein friedliches Land. Ich höre die ganze Zeit dieselbe CD. Die Band Freitag aus Charkow – ihr russischer Reggae verschafft mir die richtige Stimmung im ICE:

Ich bin SoldatEine Ausgeburt des KriegesIch bin SoldatIch habe den Blick eines bösen KindesMan sieht mich oft auf FilmplakatenZwischen Pinocchio und MickymausDoch Mama und Papa erkennen mich nichtIch gebe zu, ich sehe mies ausSchuld daran sind die Raketen, die Kugeln und die HandgranatenSie sind nicht für SoldatenUnd die Ärzte geben sich MüheDamit wird alles wieder wie früherDoch die roten Binden und die weiße Watte heilen keine Soldaten Oje, je, je, je … WLADIMIR KAMINER