kritischer dialog mit dem islam

Schwule? Das sind doch die, die sich immer ausziehen

Froh, einen Sitzplatz bekommen zu haben, sitzt man im 129er Bus, und schon ist Schluss mit der Atempause im Überlebenskampf: Eine Horde Grundschulkinder ohne Aufsichtsperson entert das Oberdeck, ein kleiner Asiate mit Ranzen auf dem Rücken brüllt seine türkischstämmigen Freundinnen herbei: „Ey, alles frei hier“, auch genervte Blicke helfen da nicht. „Hallo“, sagt der junge Mann auch noch und grinst über das ganze Gesicht. Was will man da machen außer zurücklachen, Widerstand zwecklos.

Und schon haben sie einen: „Spielst du ein Spiel mit uns?“, fragt ein hübsches kleines Mädchen mit Lockenkopf. Na klar. „Ich stelle dir Fragen, und du darfst nicht mit ja oder nein antworten.“ Na gut. „Wie heißt du?“, fragt sie und zeigt ihre Zahnlücke. Die erste Antwort fällt nicht schwer. „Hast du eine Freundin?“, legt sie nach, und da wird es schwierig: „Ich habe einen Freund“ schließt zwar Ja oder Nein aus, die exakte Antwort bringt aber das Spiel durcheinander. Denn nun herrscht allenthalben Bestürzung.

Unter einem winzigen Kopftuch zwei Sitze weiter sieht man nun weit aufgerissene Augen: „Lügst du?“, fragt die Kleine. Der einzige Junge in der Gruppe weiß gar nicht, wo er hinschauen soll, bis er sich ein Herz fasst und sagt: „So, jetzt sind wir wieder im richtigen Leben, also nicht mit Ja oder Nein antworten: Gehst du mit dem ins Bett?“

Allmählich drehen sich die ersten Köpfe im Bus, eine ältere Dame lächelt wohlwollend, woraufhin die hoffnungsvolle Frage „Hast du die Frau da vorne denn lieb?“ gestellt wird, die so eindeutig nun auch wieder nicht beantwortet werden kann – in diesem Moment ja durchaus.

In der Schule haben sie schon mal von Homosexuellen gehört, gesehen haben sie noch keine. Sie wissen nur, dass „die sich immer ausziehen auf einer Parade“. Warum, weiß der Befragte auch nicht, und überhaupt sind es der Fragen mehr, als dass sie alle hätten beantwortet werden können bis zur angestrebten Haltestelle. „Glaubst du an Gott?“ „Isst du Schweinefleisch?“ „Wie heißt dein Freund, und hat der wenigstens Haare auf dem Kopf?“ Es wird Auskunft erteilt so weit möglich und im Rahmen des Jugendschutzes angemessen.

Schließlich muss der Außerirdische ohne Haare, mit Ohrring und „Dreitagebart am ganzen Kopf“ aussteigen. Als er draußen steht und der Bus weiterfährt, winkt ihm das ganze Oberdeck.MARTIN REICHERT