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Bücherliebe

Die Liebe im Allgemeinen ist ja schon seltsam, aber die Liebe zum Buch ist noch viel merkwürdiger. Die Liebe zum Buch ist nämlich einfach immer schön, behaupten jene Leute, die sich da angeblich auskennen. Und so denkt man sich, dass die Liebe zum Buch irgendwie keine echte Liebe sein kann. Obwohl: Es gibt Ausnahmen. Michael Endes „Unendliche Geschichte“ mag als solche durchgehen, Cornelia Funkes „Tintenherz“ schafft es schon nicht mehr ganz so bedingungslos. „Ich wollte schon immer ein Vogel sein. / Gestern im Traum bin ich einer gewesen. / Ich saß im höchsten Buchenbaum / und habe – was sonst? – ein Buch gelesen“, dichtet die Lyrikerin Inge Meyer-Dietrich. Und man denkt: Mit den Gedichten ist es wie mit den Büchern, und mit den Büchern ist es wie mit den Menschen: Es gibt solche und solche.

Da hat der kleine Herr Paul aber Glück gehabt, dass seine Eltern das wissen. Denn das Haus, in dem er mit ihnen lebt, ist von oben bis unten voll mit Büchern, und sogar einige Möbel sind aus Büchern konstruiert: „Es gab Bücherhocker, einen Buchsessel und aus Opas riesigem Atlas hatten sie sich einen Tisch gebaut.“ Das ist schlau gedacht, denn nicht alle Bücher sind zum Lesen geeignet. Es gibt Bilderbücher ohne Herz, Romane ohne Verstand, Gedichte ohne Sinn. Sie alle bringt die Familie Paul, die irgendwann wohl genug Büchermöbel hat, auf den Kompost. Und, man mag es leicht glauben, ihr Kompost ist der größte in der Gegend. Aber nicht nur das. Aus dem Dünger des Bücherkomposts wachsen wunderschöne Bücherbäume, und an jedem dieser Bücherbäume hat der kleine Herr Paul eine Schaukel für den Fall, dass er einmal nicht lesen, sondern schaukeln will.

„schreibe nicht / ein licht gedicht, / weiß schreibt nur / der böse wicht. / krauchen solls / durch blut und bein / bis ins Herzens / kämmerlein.“ Das ist von H. C. Artmann und steht nicht nur neben Meyer-Dietrich, sondern inmitten von lauter Ringelnatz-Gedichten. Nur Mut!, haben sich die Herausgeber, die lieber unerkannt sein wollen, wohl gedacht. Nun kann man mit Ringelnatz nichts falsch machen, das ist die gute Nachricht. Und beim gut geschüttelten Rest kann man sich an den Perlen freuen, die dazwischenschwimmen.

Denn mit der Liebe zur Kultur ist es so eine Sache, mag es sich nun um Bücher handeln, um Gedichte, klassische Musik, populäre Musik oder die Alternativkultur, falls sich noch jemand daran erinnert, was die war. Sophia oder Jakob jedenfalls wissen es noch. Die beiden sind Zwillinge und haben so ihre eigenen ästhetischen Ansichten über Mutters rosa Leggings zu Wollsocken in Sandalen. Jakob und Sophia wünschen sich, wie originell, nichts sehnlicher als das krasse Gegenteil. Das Achtundsechzigerbashing ist leider mehr nervig als komisch. Aber als die Zwillinge ihren Wunsch in die Tat umsetzen und schließlich durch Wien spazieren und Mozart treffen, wird diese Reise ins Reich klassischer Bildung doch noch recht kurzweilig.

Und nun noch ein Highlight, das für sich spricht: Yellow Submarine, die Geschichte von Sergeant Pepper’s Lonely Heart Club Band und ihrer frohen Botschaft „Love is all you need“. 1968 in London kam der Film mit den Bildern von Heinz Edelmann raus, und nun ist auf dieser Grundlage ein Bilderbuch entstanden. Achtundsechziger-Kultur at its best. ANGELIKA OHLAND

Martin Baltscheit: „Der kleine Herr Paul“. Mit Bildern von Ulf K. Altberliner Verlag im Baumhaus Buchverlag, Frankfurt, Leipzig, München 2004, 74 Seiten, 9,90 Euro „12 Tonnen wiegt die Hochseekuh“. Gedichte für Landratten, Seemänner, Kinder und andere Erwachsene. Von Joachim Ringelnatz & Co. Altberliner Verlag im Baumhaus Buchverlag, Frankfurt, Leipzig, München 2004, 142 Seiten, 11,90 EuroWill Gmehling: „Herrn Mozarts Hund.“ Sauerländer, Düsseldorf 2004, 208 Seiten, 14,90 Euro The Beatles: „Yellow Submarine“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2004, 40 Seiten, 12,90 Euro