piwik no script img

Jenni Zylka Cultural AppreciationWarum floppt der Film „Digger“ so dermaßen?

Zugegeben: „Nobody digs Digger“ ist ein arg offensichtliches Wortspiel. Doch es stimmt. Das ausbleibende Publikum beschert den Warner-Bros.-Studios, die den neuen Film von Alejandro González Iñárritu produzierten, nach aktuellen Berichten einen Verlust von bis zu 250 Millionen Dollar. Anscheinend will niemand die bittere Satire über einen Ölmagnaten sehen, dem der ­Klimawandel und das Ende der Welt am faltigen Popöchen vorbeigehen, solange er nur seine Katze nominell am Leben erhalten kann. Selbst, wenn der Magnat von einem der bekanntesten Gesichter der Traumfabrik gespielt wird: „Das Ende von Tom Cruise“ unkt eine Überschrift, ein „historischer Hollywood-Flop“ oder das „größte Hollywood-Fiasko aller Zeiten“ titeln andere.

Weil sich über Geschmack nicht streiten lässt, vor allem aber, weil es bei einem derartig profilierten Projekt um weit mehr geht, sind die Hintergründe interessant. Was also ist der wahre Grund für den Misserfolg? Das Branchenblatt Variety macht unter anderem die ­Risikobereitschaft des Studios, die sich in der ungewöhnlichen Paarung Cruise/Iñárritu zeigt, und das Desinteresse des Mainstream-Publikums an künstlerisch Ungewöhnlichem verantwortlich: „Selbst ein Duo mit einem solchen Renommee erhält heutzutage keinen Freibrief mehr, um einen Film zu drehen, der sich dezidiert nicht an ein Massenpublikum richtet“, schreibt die Zeitung. Viele angebliche Analysen weisen zudem darauf hin, dass gerade Filme mit Tom Cruise üblicherweise den Großteil ihrer Einnahmen international einsammelten – und auch das scheint bei „Digger“ nicht zu funktionieren. Die Marketing-Versuche des sonst publicityscheuen Hauptdarstellers, die sich in seiner Präsenz bei Interviews zeigten, sowie eine neue Social-Media-Kampagne des Studios, die scherzhaft die schlechten Kritiken verarbeitete, verpufften ebenfalls.

All das sagt jedoch noch nichts über den Film an sich aus. Denn könnte es – in einer vorsichtig hoffnungsvollen Lesart – nicht sein, dass das Problem an „Digger“ mehr inhaltlicher Natur ist? Dass der Film einfach nicht ankommt, weil der breitbeinige Zynismus von Iñárritus Geschichte, der auch durch den als größtes Geheimnis seit der Rongorongo-Osterinsel-Schrift gehandelten Plottwist (der in Wahrheit eine ziemlich unwichtige Angelegenheit ist) nicht geschmälert wird, vielen potenziellen Zu­schaue­r:in­nen schlichtweg aufstößt? Weil selbst Sandra Hüller in einer anstrengenden, unkomischen Schrei-Rolle ihn nicht retten kann? Weil in Zeiten, in denen zynische, menschenverachtende Milliardäre die Erde schröpfen, niemand mehr Filme über zynische, menschenverachtende Milliardäre sehen will, die die Erde schröpfen? Sondern vielleicht lieber ebenfalls außergewöhnliche Satiren über trottelige, aber gutherzige Ex-Partisanen, die rechten Militärfreaks ans Bein pinkeln? Oder, ­apropos Rongorongo, eine auf den Osterinseln spielende Satire, die zwar einerseits ­Ignoranz, andererseits aber auch Freundschaft und ­Todesangst thematisiert?

Jenni Zylka schreibt hier regelmäßig über Film.

Paul Thomas Andersons „One battle after another“, der Film mit der starken Linken, hatte bekanntlich im letzten Jahr einen Siegeszug durch Kinos und Preisverleihungen angetreten; Martin McDonaghs „Wilde Horse Nine“ mit einem menschen-, aber eindeutig auch USA-verachtenden, todkranken CIA-Agenten versucht es aktuell.

Will man zynische Milliardäre, die die Erde schröpfen. tatsächlich auch noch im Kino sehen?

Und da die USA kulturell eh nicht der ­Nabel der Welt sind, könnte man nebenbei darüber jubilieren, dass ein Film wie „Vaterland“, der zu Messiaen und Bach-Musik behutsam die Verletzungen eines Volkes und einer Familie verarztet, hierzulande gerade die 500.000-Zuschauer:innen-Marke geknackt hat. Das freut einen dann auch wieder für ­Sandra Hüller.