wortwechsel: Reaktionen auf die (Nobel-)Preisträger des Friedens
Als kleine Lichtblicke empfinden die Leser*innen die Auszeichnungen für Philippe Sands und Navi Pillay. Die Reaktionen Israels und der USA stoßen auf Unverständnis
Foto: Hannes P. Albert/dpa
Deutsche schweigen laut
„Zwei Ohrfeigen für Deutschland“, taz vom 13. 10. 26
Man sollte unbedingt die Preisrede des angesehenen Völkerrechtlers und Schriftstellers Philippe Sands und diesjährigen Preisträgers des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels nachlesen. Sie haut einen um. Was er sagt, dürfen in Deutschland wohl nur angesehene Juden und Jüdinnen sich trauen zu sagen, ohne als Antisemit:innen diffamiert zu werden. Deutschland, so Sands, habe viele Gräuel angeprangert und sei aktiv geworden, von den Jesid*innen bis zu den Uigur*innen … von Myanmar bis Sudan und der Ukraine. „Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut“. Es sei richtig, dass deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen würden, wenn auch noch sehr zögerlich und verhalten. „Es ist nicht antisemitisch, es ist nicht ‚Anti-Israel‘, es ist die Wahrheit.“
Sands fügt hinzu: „eine echte, nicht rassifizierte ‚Staatsräson‘ für Deutschland, achtzig Jahre nach Nürnberg, muss doch wohl das Schweigen über Völkerstraftaten brechen, wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden.“
Es gibt eine unsägliche Schieflage in der Antisemitismus-und Israeldebatte hierzulande, teilweise ehrlich besorgt, vielfach instrumentalisiert und verlogen. Eine solche Debatte schützt auch nicht die jüdischen Mitbürger*innen hier, eher im Gegenteil. Menschenrechte gelten überall in gleichem Maße, jederzeit und für alle. Das ist für mich die Lehre aus dem Holocaust.
Dieter Lehmkuhl
Kritik darf sein
Philippe Sands hat den Friedenspreis bekommen und kritisierte die Bundesregierung, Navi Pillay bekam den Friedensnobelpreis und gab in den Tagesthemen ein Interview. Wollen wir also mal festhalten, dass in D Kritik an Israel und Deutschland ohne Probleme und unzensiert geäußert werden kann. Beide tun das übrigens, sofern ich das beobachten konnte, ohne antisemitische Stereotype zu reproduzieren. Pillay wurde in der Jüdischen Allgemeinen kritisiert, weil sie sich hinter einen Mitarbeiter stellte, der von „jüdischer Lobby“ sprach. Auch diese Kritik darf sein.
Karla Columna auf taz.de
Recht des Stärkeren
„Friedenspreisverleihung in Frankfurt: Leises und lautes Schweigen“,
taz vom 12. 10. 26
Jahrzehntelang hatten vor allem die grausamen Erfahrungen unserer Eltern dazu beigetragen, uns den Frieden zu sichern. „Nie wieder Krieg“ war schon 1918 die Lehre aus dem 1. Weltkrieg. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“, hieß es nach dem noch schrecklicheren 2. Weltkrieg. Das Völkerrecht und die UN haben uns lange Zeit den Frieden in Europa gesichert und viele internationale Konflikte zumindest eingrenzen können. Derzeit leben wir in einer Zeit, in der die Kriegserinnerungen verblasst sind und das Völkerrecht nicht mehr zählt. Stattdessen zählt nur noch das Recht des Stärkeren: bei Trump, bei Putin, bei Xi, bei Netanjahu. Deutschland kuscht, statt in der UN das Völkerrecht konsequent und ohne Ausnahmen einzufordern. In Folge eskalieren fast alle militärischen Konflikte, und wie in den früheren Vorkriegs- und Kriegszeiten vervielfachen Rüstungsunternehmen ihre Gewinne.
Ein kleiner Lichtblick für mich sind die Auszeichnung der neuen südafrikanischen Nobelpreisträgerin und der neue Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Philippe Sands. Aber wo bleiben die Initiativen deutscher Politiker, um Deeskalationen und endlich wieder neue Rüstungsbegrenzungsverträge anzugehen?
Norbert Gores, Neu-Morsnet
Null Verständnis
Mein Verständnis für Israels Regierung ist bei null angekommen. Wer die Haltung des Friedensnobelpreiskomitees und seiner diesjährige Preisträgerin als „größte Lüge des Jahrhunderts“ bezeichnet und mit dem Nazi-Propagandaminister Goebbels gleichsetzt, verdient keine Solidarität und keine Unterstützung mehr. Die Massaker Israels in Gaza sind objektiv Kriegsverbrechen und Völkermord. Daran ändert auch der Anlass nichts. Wer diese Israelkritik als Antisemitismus betrachtet, hat nichts verstanden.
Heiner Jüttner, Aachen
Ausstieg konsequent
taz vom 12. 10. 26
Mich wundert es nicht, Bas musste in einer neoliberalen Koalition/Regierung eine soziale Linie bilden und vertreten, die der Kanzler so gar nicht haben wollte. Was er haben will und wollte, gut, das ist so der Gegenentwurf zum Sozialen. Bas sollte doch gegen Verarmung und sozialen Ausschluss mit Konzepten antreten, die aber die CDU eigentlich nicht mehr wollte. Und dann wird dort scharf geschossen; wo ein Merz rumrennt, geht es nicht zimperlich zu.
Dass die CDU damit nicht wirklich gut fährt …? Geschenkt, das interessiert auch niemanden. War früher die CDU noch für den Bäckermeister mit eigenem Betrieb, geht es heute nur noch um Milliardäre oder Spitzenmanager. Die CDU steht definitiv für ein sehr verengtes Konzept der Mitte, da findet selbst eine Bärbel Bas nicht mehr ihren Platz. Eigentlich ist es konsequent, da dann auszusteigen.
Andreas_2020 auf taz.de
Tiefer Respekt vor Bas
1. Mein aufrichtiges Mitgefühl für Frau Bas.
2. Mein tiefer Respekt vor ihr und ihrem glaubwürdigen Auftreten (auch wenn ich nicht immer ihrer Meinung war).
3. Mein Unverständnis über „Journalismus“, der in dieser Stunde genau so schreit und skandalisiert, wie man es den Rechten immer vorwirft.
Wo bleibt das Miteinander? Das Aufeinander-Zugehen?
Carsten S. auf taz.de
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