: Das Gute muss die Kraft haben, sich zu widersetzen
Russland will die Kultur der Ukraine auslöschen. Doch das Land ist zur Speerspitze des freien Europa geworden, argumentiert der ukrainische Philosoph Wolodymyr Jermolenko in seinem Buch „Eine Kultur des Trotzdem“. Die taz traf ihn zum Gespräch
Foto: Mykhaylo Palinchak/sopa images/imago
Von Jens Malling
Russland versucht systematisch, die Kultur und das Geistesleben seines Nachbarlandes Ukraine auszulöschen. Der Angriff auf das fast tausend Jahre alte Kloster Lawra in Kyjiw im Juni 2026, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, ist nur eines der schlimmsten Beispiele dafür in diesem Jahr. Entgegen der Absichten Russlands hat die mehr als vier Jahre andauernde Vernichtungskampagne jedoch zu einer kulturellen Blüte in der Ukraine geführt. Es ist eine „Kultur des Trotzdem“. So lautet der Titel des Buches des ukrainischen Philosophen Wolodymyr Jermolenko, das neulich erschienen ist.
Zum Dröhnen der Artillerie und im Blitzlicht der Bombeneinschläge von Russlands Angriffskrieg gegen sein Land greift Jermolenko einige grundlegende Begriffe der Philosophie erneut auf: Gut und Böse. Liebe und Hass. Macht und Ohnmacht. Leben und Tod. Vor allem aber Freiheit. Das Ergebnis seiner Überlegungen hat den 46-jährigen Denker zu einer der derzeit markantesten Stimmen aus der Ukraine gemacht.
Der Krieg fordert schwere, zutiefst schmerzhafte Verluste unter den Ukrainern. Nicht zuletzt bei Künstlern und Intellektuellen. Dennoch keime die Kultur des Trotzdem, betont er. Sie drücke Widerstand aus und sei eine Quelle der Energie, der Heilung und der Würde. Ukrainische Kunst, Literatur, Musik, Design, Theater und Erinnerungskultur haben seit dem Beginn der Großinvasion im Jahr 2022 einen radikalen Wandel erfahren. Der Krieg beschleunigt die Dekolonisierung der ukrainischen Kultur, die lange von sowjetischen und russischen Narrativen dominiert wurde.
„Kultur hilft uns zu überleben. Sie hilft uns, wir selbst zu sein. Sie hilft uns, grundlegende menschliche Werte zu bewahren. Trotz der Gefahr“, sagt Jermolenko, der auch Vorsitzender der ukrainischen Sektion des internationalen Schriftstellerverbandes PEN ist, als die taz mit ihm spricht.
Jermolenko leitet die Analyseabteilung der Medien-NGO Internews Ukraine. Darüber hinaus ist er Chefredakteur von „UkraineWorld“, das in verschiedenen Sprachen über die Ukraine berichtet. Er schreibt regelmäßig Beiträge für internationale Medien wie The Economist, Le Monde, Financial Times, New York Times und Newsweek. Während seine Gedanken immer weitere Verbreitung finden, seine Essays in immer noch eine Sprache übersetzt werden und er immer wieder eingeladen wird, Vorträge im übrigen Europa zu halten, umfasst die kulturelle Blüte in dem vom Krieg heimgesuchten Land auch die ukrainische Philosophie.
Jermolenkos Eltern waren beide angesehene Philosophen, mit 15 Jahren las er sein erstes philosophisches Buch: „Furcht und Zittern“. Er spricht voller Verehrung von Søren Kierkegaard, der sein Denken maßgeblich geprägt hat. Später schrieb er seine Dissertation über Walter Benjamin. Seinen Hintergrund als Philosoph nutzt Jermolenko nun, um über den Krieg nachzudenken. Eine wichtige Erkenntnis von der Front, an der die Ukrainer den russischen Angreifern seit fast fünf Jahren standhalten, laute: Freiheit kann nicht als selbstverständlich wahrgenommen werden.
„Freiheit erfordert den Mut, an das Unmögliche zu glauben. Zum Beispiel an den Sieg über eine brutale Übermacht. Freiheit erfordert den Glauben daran, dass das Gute nicht machtlos ist“, sagt Jermolenko der taz.
In einer sich zuspitzenden historischen Situation, in der Europa von innen durch den Vormarsch rechtsextremer Parteien und von außen durch autoritäre Regime wie die USA, Russland und China bedroht wird, lautet sein Appell: Die Europäer sollen anfangen, neu über ihren Willen nachzudenken, für Freiheit, Offenheit und Demokratie einzustehen.
Heute hilft Europa der Ukraine. Aber die Hilfe geht auch in die andere Richtung. Die Ukraine hilft Europa dabei, seinen Sinn wiederzufinden, der im Widerstand gegen die Tyrannei liegt. Aus eben diesem Widerstand sei die Europäischen Union entstanden, lautet einer von Jermolenkos Kerngedanken. Er erinnert an die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl im Jahr 1951, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Frieden in Europa sichern sollte.
Mehrere Jahrzehnte des Friedens und des Fortschritts in den meisten Teilen des Kontinents haben die Europäer jedoch dazu gebracht, etwas Wichtiges zu vergessen, meint er: „Die Erkenntnis, dass Freiheit verteidigt werden muss, ist verloren gegangen. Dass Werte nicht ein für alle Mal gegeben sind. Dass sie keine Konsumware sind. Dass moralischer Fortschritt nicht garantiert ist. Manchmal hat man den Eindruck, dass Freiheit und Würde in Europa nicht mehr als Werte wahrgenommen werden, die man verlieren kann. Dass sie vielmehr als so etwas wie Naturphänomene betrachtet werden, die unabhängig von uns existieren. Etwas, auf das man ein Recht hat, das man aber nicht schützen muss.“
Mehr Europa als Europa
Im verbissenen Widerstand gegen die existenzielle Bedrohung durch die russische Tyrannei tritt die Ukraine immer stärker als neues Kraftzentrum kultureller, technologischer und geistiger Entwicklung hervor. Ein Land, das heute mehr Europa ist als Europa selbst. Bevölkert von Menschen, die die Werte der Freiheit, der Demokratie, der Menschenrechte, der Vielfalt und des Respekts vor dem Individuum, auf denen Europa angeblich beruht, todernst nehmen müssen.
Laut Jermolenko haben die Ratlosigkeit und die Handlungsunfähigkeit, denen er in Teilen der europäischen Öffentlichkeit begegnet, wenn es um die Bedrohung durch tyrannische Herrschaftsformen geht, ihren Ursprung in einer bestimmten Vorstellung vom Guten: Die zugrunde liegende Vorstellung, dass das Gute keine Macht besitzt, sei weit verbreitet. Dass man nichts anderes tun kann, als vor dem Bösen zu fliehen. Dass das Gute nur das sein kann, was gegen Gewalt verliert.
Europas Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, der eigenen Stärke und dem eigenen Zweck hängen auch mit der Entwicklung des Denkens zusammen, meint Jermolenko. „In den letzten Jahrzehnten hat im Westen eine Art Abwertung von Ideen stattgefunden. Die Überzeugung, dass Ideen austauschbar sind, hat sich durchgesetzt. Dass eine Idee einfach eine andere ersetzen kann. Das halte ich für zutiefst falsch“, sagt er.
Er hält es für notwendig, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass manche Ideen besser sind als andere. Unsere heutige Epoche – eine Zeit des Krieges – zeige uns, wie wichtig Ideen sind. Wie wichtig es ist, sie auf moralischer Grundlage zuzuordnen und zu bewerten.
Wolodymyr Jermolenko: „Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft“. Aus dem Ukrainischen von Jutta Lindekugel und Tine Hammer. Edition.fotoTapeta, Berlin 2026. 128 Seiten, 15 Euro
Der ukrainische Philosoph stimmt dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder zu, der der Ansicht ist, dass der Krieg gegen die Ukraine auf schlechte Ideen zurückzuführen ist.
Als Beispiel nennt Jermolenko die Vorstellung, dass Russland als Imperium das Recht habe zu expandieren, dass die Ukraine eine nicht existierende Nation sei und dass die Geschichte der Ukraine in Wirklichkeit die Geschichte Russlands sei.
„Das sind schlechte Ideen, die von schlechten Historikern vertreten werden“, sagt er. „Aber schlechte Geschichtsdeutung kann zu einer Ideologie werden, die wiederum zu einer Waffe werden kann. Wenn man erst einmal gesagt hat, dass die Ukraine nicht existiert oder kein Recht auf Existenz hat, ist der nächste Schritt zu sagen: Okay, wir sollten den Gedanken an die Ukraine selbst und alle Menschen, die diesen Gedanken vertreten, auslöschen. Und genau so verlief der Vorlauf zu dem Völkermord, der gerade stattfindet.“
Die Philosophie spielt für Jermolenko eine wichtige Rolle, um schlechten Ideen entgegenzuwirken. Etwa der Idee, dass das Individuum keine Bedeutung habe.
Diese Denkweise prägt insbesondere Denker der russischen intellektuellen Tradition, die derzeit in Russland wieder an Popularität gewinnen. Sie leugnen die Rolle des Individuums. Sie leugnen die Frage nach der Freiheit. Stattdessen behaupten sie, dass es etwas Größeres als das Individuum gibt, das das Individuum steuern sollte, meint Jermolenko.
Wenn man anfängt, in diese Richtung zu denken, landet man schnell beim Totalitarismus: Wenn Individuen keine Bedeutung haben, haben auch einzelne Leben keine Bedeutung. Die Folgen dieser Idee können wir heute in Russland deutlich sehen.
Der Krieg gegen die Ukraine hat Jermolenko auch Anlass zu Gedanken über den Tod gegeben. Wenn der Krieg tobt, wenn der Tod nicht mehr nur ein flüchtiger Begriff ist, werde klar, wie zerbrechlich das Leben, die Gesellschaft, die Kultur und unsere Körper sind und wie sehr sich diejenigen irrten, die an den unvermeidlichen Fortschritt der Geschichte glauben.
Für die Ukrainer habe der Tod seinen abstrakten Charakter verloren. „Der Tod wird konkret. Es ist der physische Tod. Es ist der unwiderrufliche Tod. Es ist der Abgrund, den man spürt, wenn die eigenen Angehörigen getötet werden. Wenn dein Mann getötet wird. Wenn deine Kinder getötet werden. Wenn deine Eltern getötet werden. Wenn deine Freunde getötet werden.“
Gleichzeitig hat er festgestellt, dass man – wenn man keine andere Wahl hat, als dem Krieg ins Auge zu sehen, dem Tod und der Zerstörung ins Auge zu sehen – das Leben auf eine neue Art und Weise schätzen lernen kann: „Je zerbrechlicher das Leben ist, desto stärker fühlt man die Liebe zu seiner Familie, zu seinen Nächsten, zu seinen Landsleuten. Die Ukrainer verteidigen sich nicht aus Hass, sondern aus Liebe.“
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