Katrin Seddig Zu verschenken: Menschen sind unsere einzige Hoffnung
Ich ziehe um. Es ist ja nicht leicht, in einer Stadt wie Hamburg eine Wohnung zu finden, aber jetzt hat es sich ergeben, durch einen Zufall oder eine glückliche Fügung, dass ich recht kurzfristig umziehe. Und das verschafft mir schlaflose Nächte, ich kann mich einfach nicht beruhigen. Ich wache jede Nacht zwischen drei und vier Uhr auf und kann nicht mehr einschlafen. Was muss ich noch tun? Das Kautionskonto, Wasser, Strom, Internet und packen. Ich wusste nicht, dass ich so viel besitze. Allein mein Bücherregal nimmt, in Kisten gemessen, mein ganzes Wohnzimmer ein. Und der Keller! Oh, der Keller!
Am Wochenende haben wir gestrichen. So viel Hilfe habe ich und bin dafür so dankbar.
Wenn es irgendwas auf der Welt gibt, wofür man dankbar sein kann, dann für Freund*innen, die bereit sind, einem zu helfen. Mein Freund hilft mir, meine Kinder, meine liebsten Freundinnen und zwischendrin höre ich, die AfD hat in Niedersachsen bei den Kommunalwahlen ihr Ergebnis verdreifacht. Das dringt durch meine Übermüdung wie ein dunkler Schatten. Das eine ist das Ich, das Private, das mich in Anspruch nimmt und mich nicht schlafen lässt, das andere ist das Wir, und das bin ja auch ich, das vielleicht alles verändert, mehr verändert, als meine neue Wohnung mein Leben verändert.
Aber es wird durch das Private nach hinten gedrängt. Und so geht es sicherlich vielen, in ihrem Alltag, dass sie ein privates Leben leben, das durchaus Schwieriges bereithält, Krankheiten, Sterbefälle, Trennungen, Existenzängste, Geldsorgen – Dinge, die einen vollkommen beanspruchen.
Katrin Seddig ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg
Das ist schwierig genug, aber dann, durch all das hindurch, die Sorge um unsere Gemeinschaft, um die Menschen, die weniger geschützt sind noch als ich, um die Welt. Das ist viel, und heute scheint ja noch die Sonne und draußen keckert ein Vogel und vielleicht wird es ein schöner Herbst.
Ich habe ja auch keine Lösung. Ich brauche einen Küchentisch und einen Kleiderschrank. Ich brauche ein Zuhause. Dies hier war ja nur ein Übergang, ich habe zur Untermiete gewohnt, zwei Jahre lang und jetzt muss ich ausziehen. Diese Untermietverhältnisse in Hamburg, sie sind symptomatisch für die katastrophale Wohnungssituation. Die Leute wollen ihre Wohnungen einfach nicht abgeben, auch wenn sie nicht mehr drin wohnen, weil sie ihnen so kostbar vorkommen. Bezahlbare Wohnungen sind ein Schatz. Deshalb werden sie untervermietet und nicht abgegeben. Immerhin wohnt dann ja jemand drin, so wie ich, die ich jetzt zwei Jahre zur Untermiete gewohnt habe und nie richtig hier angekommen bin, weil es immer mal wieder hieß, ich muss wieder ausziehen, und letzten Endes musste ich jetzt auch ausziehen und habe zum Glück eine Wohnung gefunden. Es gibt noch nette Menschen auf der Welt und manchmal hat man auch einfach Glück. Dass ich jetzt, wo ich dringend eine brauche, eine Wohnung gefunden habe, in der ich gut wohnen kann, das macht mich sehr froh und dankbar. Menschen sind unsere einzige Hoffnung. Auch wenn zunehmend einige von ihnen eine Partei wählen, die mir ganz und gar keine Hoffnung macht. Alles hängt miteinander zusammen, und es werden Menschen mit Migrationshintergrund sein, die in wenigen Tagen meine Waschmaschine in die neue Wohnung tragen. Sie werden meinen Küchenschrank in den zweiten Stock wuchten und die vielen, schweren Bücherkisten. Ich bezahle sie, aber ich bin auch dankbar, dass es sie gibt, dass sie hier in meinem Leben sind. In meiner Stadt.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen