: „Mit dieser Uhr wird nicht Wohlstand verkauft, sondern seine Simulation“
Matthias Kalle
Was sagt es über den Zustand der Dinge, dass in mehreren europäischen Innenstädten die Polizei anrücken muss – wegen einer Uhr? Die Schweizer Hersteller Swatch und Audemars Piguet hatten eine gemeinsame Kollektion angekündigt: Für 400 Euro gibt es eine knallbunte Taschenuhr aus Biokeramik. Ihre Silhouette entspricht der Royal Oak, einem der schönsten Uhrengehäuse der Nachkriegsmoderne, dessen Original für den Schnapper von 30.000 Euro zu haben ist. Die Ausgabe erfolgte in ausgewählten Boutiquen, und vor denen bildeten sich Schlangen wie sonst nur vor Nachtclubs oder Apple Stores. Menschen campten, stritten, drängelten. Manche gingen leer aus, andere mit mehreren Exemplaren. Einige verkauften sie noch am selben Tag mit Gewinn weiter.
Matthias Kalle leitet zusammen mit Luise Strothmann die wochentaz.
Das Prinzip dahinter nennt sich „affordable luxury“, also erschwinglicher Luxus. Was freundlich klingt, ist in Wahrheit eine sehr zeitgenössische Form der Demütigung. Nicht Wohlstand wird verkauft, sondern seine Simulation: das Versprechen, wenigstens ein Echo von etwas besitzen zu dürfen, das für die meisten unerreichbar bleibt. Luxus nicht als Ausnahme vom Alltag, sondern als Leasingmodell für Sehnsüchte.
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