press-schlag: Preisboxen vor Pyramiden
Box-Weltmeister Usyk und Kickbox-Champ Verhoeven kämpfen gut bezahlt um einen echten WM-Titel
Understatement ist selten bis nie im Spiel, wenn im globalen Profiboxgeschäft große Kampftage erfunden werden. Darum kann die Begegnung zwischen Oleksandr Usyk und Rico Verhoeven auch nicht in einer ordinären Großarena, sondern nur vor einem geschichtsträchtigen Hintergrund steigen. Pyramiden sind da am besten, weil der einhellige Boxchampion aus der Ukraine (24 Siege in 24 Kämpfen) und der einhellige Kickbox-Champion aus den Niederlanden (65 Siege in 75 Kämpfen) dann um „Glory in Giza“ streiten können. Das ist das gewollt pathetische Motto für den sogenannten Crossover-Fight, der am späten Samstag ägyptischer Zeit etwas Entscheidendes beweisen soll – wenn man nur wüsste, was genau das sein könnte.
„Crossover“ bedeutet schließlich, dass einer der beiden Kontrahenten in eine Kampftechnik wechselt, die ihm nicht besonders vertraut ist. Was in aller Regel einen Nachteil darstellt, der gegen einen echten Champion kaum auszugleichen ist. Aber solche grundsätzlichen Überlegungen lässt der 37-jährige Verhoeven für seinen besonderen Fall nicht gelten. Er glaubt an die 20 Kilo mehr, die im Vergleich zu seinem gut zwei Zentner schweren Gegner in seinen Fäusten stecken. Wenn die treffen, so die Ankündigung, werde Usyk zu Boden gehen. Außerdem stelle er mit seinen unorthodoxen Bewegungsmustern „eine andere Art von Puzzle“ für den noch unbesiegten Boxprofi dar. Der sei am Ende auch nur „ein Mann mit zwei Armen und zwei Beinen.“
Darüber schmunzelt der 39-jährige Usyk nicht mal im Ansatz. Er hat in dem unerschrockenen Quereinsteiger, der seinen bisher einzigen Boxkampf vor zwölf Jahren in Darmstadt gewonnen hat, „eine Herausforderung“ ausgemacht. Für die habe er sich ebenso umfassend und konsequent vorbereitet wie eh und je.
Der Wille des Boxers
Weitere skeptische Nachfragen ließ der gewiefte Weltmeister von drei der vier maßgebenden Verbände frühzeitig ins Leere laufen. „Ich will einmal das machen, was ich will“, betonte er auf dem ersten Medientermin in London, „nicht das, was nötig ist.“ Das klang nicht zufällig wie die innige Bitte eines Ausnahmesportlers, der nichts mehr zu beweisen hat: Fury, Joshua, Dubois und andere Brocken hat der Olympiasieger von 2012 doch alle jeweils zweimal aus dem Weg geräumt, mit überlegener Technik und kluger Strategie.
Trotzdem soll es in Gizeh nicht um einen reinen Showkampf gehen. Der World Boxing Council (WBC) hat das ungleiche Match tatsächlich als offizielles Duell um seinen WM-Titel anerkannt. Damit wagt er sich weiter vor als die World Boxing Association (WBA), die das Treiben nur für den Fall seines Sieges als Usyks Titelverteidigung registrieren will. Und auch weiter als die International Boxing Federation (IBF): Sie will ihren WM-Titel für vakant erklären, falls Herausforderer Verhoeven ein veritables Boxwunder gelingt. So glänzen die Governing Bodies in dem unübersichtlichen Sportbusiness einmal mehr mit obskuren, locker aus dem Stand getroffenen Entscheidungen.
Den Schaden trägt in erster Linie Agit Kabayel davon. Der 33-jährige Interims-Champion des WBC aus Wattenscheid muss sich weiter gedulden, bis er Usyk zu einem ernsthaften WM-Duell herausfordern darf. Das wurde ihm im Prinzip zugesagt. Nur hat sein englischer Manager Spencer Brown gerade anderes zu tun. Dessen Unternehmen Goldstar veranstaltet zusammen mit Eddie Hearn, Chef von Matchroom Boxing, eben jenen Kampf in Gizeh. Der bringt weltweit im Zweifel einfach mehr Geld ein, und das ist auch fünfzig Jahre nach Muhammad Alis ödem Crossover-Kampf mit dem japanischen Catcher Inoki (Juni 1976) natürlich das schlagende Argument. Bertram Job
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