: Auf der Rasierklinge einer Horn’schen Poesie
An einem Wuppertaler Berghang, im stillen Reich von Tony Craggs Skulpturengarten Waldfrieden, lässt sich auf das ironische, surreale und beunruhigend ambivalente Werk der vor zwei Jahren verstorbenen Rebecca Horn zurückschauen
Von Regine Müller
Wuppertal ist eine Schönheit auf den zweiten Blick. Immer mal wieder fällt die Stadt im bergischen Land den Lifestyle-, Reise- und Kunstkennern auf und wird dann eilig als Geheimtipp oder wie vor ein paar Jahren sogar als „das neue Berlin“ gehypt. Wahr ist, dass Wuppertal nicht nur einst eigenständige Städte widerwillig vereint, sondern auch verwirrend viele Gegensätze: arm und reich, abgerockt und großbürgerlich, postindustriell und idyllisch.
Das Erstaunlichste an dieser Stadt aber ist ihre ungebrochene Anziehungskraft für eigenwillige Künstlerinnen und Künstler, die wissen, was sie der besonderen Offenheit Wuppertals verdanken: Pina Bausch etwa, die dort beharrlich ihr Tanzimperium aufbauen konnte. Oder der britische Bildhauer Tony Cragg, der seit 1977 in Wuppertal lebt und 2008 seinen Skulpturenpark am Hang des Hesselnbergs eröffnete. Zwischen Laubbäumen und Gartenrasen stehen dort derzeit etwa 65 Skulpturen zeitgenössischer Kunst, 26 von Tony Cragg selbst. Als Träger der Aktivitäten fungiert die gemeinnützige Cragg Foundation, die für die Bespielung des Parks Skulpturen entweder zeitweise leiht, aber meistens ankauft, sowie ambitionierte Wechselausstellungen in den mittlerweile drei Ausstellungshallen organisiert.
So ungewöhnlich wie der Ort ist hier auch die Präsentation: Der Skulpturenpark Waldfrieden ist alles andere als barrierefrei, schon die Anreise mit den Öffis beschert einen steilen Aufstieg, und auch im Park selbst sind Kondition und festes Schuhwerk gefragt. Und da es ein privates Museum ist, muss Tony Cragg sich auch nicht den Usancen der üblichen Erklärzwänge beugen, denn außer diskret angebrachten Schildchen gibt es für das wandernde Publikum keinerlei Didaktik, geschweige denn Kuratoren-Lyrik zu verarbeiten.
Auch wenn der 76-jährige Tony Cragg höchstselbst durch sein stilles Reich führt, hält er eher wenig von deutenden Erklärungen. Wie nun bei der ersten Begehung der Ausstellung „Emotion in Motion“ durch alle drei Hallen des weitläufigen Geländes mit einer konzentrierten Rückschau auf das Werk von Rebecca Horn. Horn, die mit ihren Aktionen, kinetischen Skulpturen, Installationen oder Filmen ein intensives Künstlerinnenleben lang die Grenzen zwischen Natur und Kultur auslotete und 2024 im Alter von 80 Jahren verstarb.
Ihr Werk ist präsent in musealen Sammlungen weltweit, auch und gerade in Nordrhein-Westfalen. Im vorigen Jahr war ihre Großinstallation „The Universe in a Pearl“ im sächsischen Lößnitz der Clou des „Purple Path“ im Rahmen des Chemnitzer Kulturhauptstadtjahrs, kurz davor richtete das Münchner Haus der Kunst ihr noch zu Lebzeiten eine große und fulminant bestückte Retrospektive aus.
Damit kann und will Wuppertal nicht konkurrieren, zumal nur 14 Arbeiten gezeigt werden. Die aber haben es in sich. Denn sie entwickeln hier eine gesteigerte Vitalität und atmende Präsenz. In den gläsernen Pavillons entsteht eine ganz eigene, sacht bewegte Dynamik, die sich im Dialog mit der draußen zaghaft erwachenden Natur entfaltet. „Das ist etwas ganz anderes als in einem White Cube“, gibt Cragg zu bedenken.
Die obere, elliptisch geformte Glashalle, die vorbei an Horns Objekten einen Blick ins Tal gestattet, ist dominiert von der Arbeit „Turm der Namenlosen“ von 1994, einst errichtet in einem Wiener Treppenhaus als Reaktion auf den Jugoslawien-Krieg. Historische Obstleitern türmen sich zu einer steilen Installation. Darauf sind Geigen verteilen. Deren Bögen sind elektronisch gesteuert und spielen über eine Mechanik fragmentarische Tonfolgen an, heiser, kratzend, wie eine traurige, verlangsamte Erinnerung an fröhliche Tänze. Horn verwies damit auf die Geflüchteten, die in Wien damals als Straßenmusiker ums Überleben kämpften.
Ungleich spektakulärer und sowieso längst ikonisch ist in der mittleren Halle die Installation „Concert of Anarchy“ aus dem Jahr 2006. Geräuschvoll dekonstruiert sie einen kopfüber von der Decke hängenden Konzertflügel, indem sie deren Tasten mithilfe pneumatischer Zylinder ruckartig aus dem Instrument herausfahren lässt, als wollten sie zu Boden stürzen und dabei die Saiten im Korpus des Instruments zu einer kreischenden Kakofonie anschwellen lassen.
Den denkbar größten Kontrast dazu liefert im gleichen Saal die späte und gänzlich geräuschlose Arbeit „Hauchkörper“ von 2017: Spitz zulaufende, überlebensgroße Messingstäbe ragen aus einer Stahlplinthe empor und wiegen sich in sanftem Rhythmus in verschiedene Richtungen, aufeinander zu und voneinander weg, als würden sie sich gegenseitig anziehen und dann wieder abstoßen. Die Schwingungen sind minimal, kaum wahrnehmbar.
In der unteren Halle, vor verglastem Ausblick, bewegen sich zwei Metallbögen langsam aufeinander zu. An deren Enden befinden sich Nashornspitzen. Bei Berührung erzeugen sie zischende Lichtblitze. Der „Kuss des Rhinozeros“, so der Name dieser kinetischen Skulptur von 1989, bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Aggression und Zärtlichkeit, dabei balanciert er auf der Rasierklinge einer typisch Horn’schen Poesie: immer mehrdeutig, oft surreal, auch ironisch und von beunruhigender Ambivalenz, die um die Aggression als Kehrseite der Schönheit weiß.
„Rebecca Horn. Emotion in Motion“. Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal, bis 30. August
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