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Kann VW Straßenbahnen statt Autos herstellen? Über eine Kampagne von Aktivist*innen und VW-Beschäftigten berichtet Mitinitiator Tobi Rosswog
Interview Peter Nowak
taz: Herr Rosswog, vor drei Jahren haben Sie eine Initiative gestartet, um aus Wolfsburg eine VW-Stadt zu machen, und zwar „VW“ für „Verkehrswende“ statt nur für „Volkswagen“. Dabei sind andere Aktivisti, aber auch Beschäftigte des Autokonzerns. Wie kam das?
Tobi Rosswog: Wir haben uns gefragt, was wäre, wenn Welten aufeinandertreffen, die sonst gerne gegeneinander ausgespielt werden: Fabrikhalle versus Klimacamp, Blaumann versus Fahrradhelm, Schichtplan versus Systemwandel. Was wäre, wenn genau aus diesen Unterschieden etwas Gemeinsames entstehen kann? Die Idee dazu kam auf, weil es nur konsequent ist, radikale Verkehrswende in der Höhle des Löwen der Automobilindustrie zu erkämpfen. Da bietet sich der Stammsitz von VW in Wolfsburg ideal an.
taz: Fiel es Ihnen als Auswärtiger schwer, mit den Bewohner*innen dieser Stadt in Kontakt zu kommen, die stark von den VW-Arbeitsplätzen abhängen?
Rosswog: Eigentlich gar nicht so sehr, denn wir haben die soziale Frage vor Ort starkgemacht. Konkret war die Analyse denkbar einfach: Die Automobilindustrie ist in einer tiefen Krise – das war auch schon im August 2022 absehbar und nun gilt es ein deutsches Detroit zu verhindern. Wir sind also nach Wolfsburg gegangen und haben klar kommuniziert: Wir brauchen euch 65.000 Kolleg*innen. Wir können es uns gar nicht leisten, dass erfahrene Metaller*innen ihr Know-how nicht für eine zukunftsfähige Industrie einsetzen. Denn die Straßenbahnen, Beatmungsgeräte, Windkraftanlagen oder was wir noch so brauchen, werden nicht im luftleeren Raum produziert.
taz: Mit der in Wolfsburg starken Gewerkschaft IG Metall hatten Sie aber auch Probleme. Warum?
Rosswog: Das Kernproblem ist, dass sie sich ungern an ihre eigene Satzung erinnern lassen mochte. Dort steht sehr weit vorne und ganz schön prominent in Paragraf 2, Absatz 4: „Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum“. Aber ein Großteil der gewerkschaftlichen Führung ist nicht kämpferisch, sondern im Co-Management verhangen. Wichtig ist mir dabei zu betonen: Es geht nicht darum, gewerkschaftliche Organisierung zu kritisieren, sondern einen Herrschaftsapparat, der nur selten was bewegen mag.
taz: Zwei Jahre lang dauerte Ihre Kampagne in Wolfsburg. Was ist davon geblieben?
Rosswog: Zunächst Beziehungen und Netzwerke, die über die unterschiedlichen Standorte des VW-Konzerns hinaus strahlen. Das ist das wichtigste. Dann gibt es einen einstündigen Doku-Film, in dem Arbeiter*innen und Aktivist*innen sowie Wissenschaft zu Wort kommen und damit Hoffnung schaffen. Und außerdem gibt es nun einen weiteren konkreten Kampf: das VW-Werk in Osnabrück.
taz: Was ist dort geplant?
Rosswog: In Osnabrück geht es um die konkrete Auseinandersetzung des VW-Werks mit 2.300 Kolleg*innen, wo im Oktober 2027 die Produktion ausläuft und Rheinmetall bereits vor den Werkstoren wartet, um dort Kriegsgerät zu produzieren.
taz: Zwar sagte der Rheinmetall-Chef im vergangenen November, aktuell brauche er das Werk nicht. Zuvor hatte eine Delegation des Konzerns es aber schon begutachtet und für geeignet befunden. Bei wachsender Auftragslage könnte also Interesse bestehen.
Rosswog: Das wäre natürlich eine perverse und fatale Konversion – und glücklicherweise gibt es auch dazu Alternativen, für die uns einsetzen.
Tobi Rosswog wurde 1990 geboren und ist in verschiedenen sozial-ökologischen Initiativen aktiv. Bekannt wurde er etwa durch sein zweieinhalbähriges Experiment eines geldfreien Lebens. Jetzt ist er gemeinsam mit der Verkehrsexpertin Katja Diehl und dem VW-Arbeiter und Gewerkschaftler Thorsten Donnermeier Herausgeber des Buches „Nehmen wir das Leben selbst in die Hand“, das kürzlich im Verlag Die Buchmacherei erschienen ist.
taz: Sie sagen, dass ohne Vergesellschaftung keine Konversion zum Nicht-Autokonzern denkbar ist. Heißt das, Ihr Projekt ist im Kapitalismus nicht machbar?
Rosswog: Die Logik ist erst einmal klar: Wenn der Umbau eines Betriebs beispielsweise auf Straßenbahnen nicht profitabler ist, werden die Eigentümer*innen – also das Kapital – es nicht machen. Nun ist aber glücklicherweise nicht festgeschrieben, dass Unternehmungen so funktionieren müssen. Das Modell der Genossenschaften gibt die Möglichkeit, andere Spielregeln aufzustellen. Dabei geht es vor allem darum zu fragen: Wer entscheidet eigentlich, was und unter welchen Bedingungen produziert wird? Die Arbeiter*innen tun das leider nicht. Es gibt keine Selbstbestimmung. Wenn wir nun das Motto „Häuser denen, die darin wohnen“ auf die Industrie übertragen, könnten wir klar formulieren: „Fabriken denen, die darin arbeiten“. Dabei ist uns bewusst, dass das natürlich nur in den Brüchen und Rissen des Kapitalismus möglich ist und nicht alle Probleme auf einmal löst. Aber es ist ein erster Schritt und am Ende ist klar: Zur Überwindung des Kapitalismus mit all seinen Herrschaftsformen gibt es keine Alternative.
taz: Sie haben gemeinsam mit der Verkehrsexpertin Katja Diehl und dem VW-Arbeiter und Gewerkschaftler Thorsten Donnermeier ein Buch über das Projekt geschrieben. Lesen das denn auch Automobilarbeiter*innen, ohne die eine Konversion nicht möglich ist?
Rosswog: Wir haben das Buch bewusst als einfaches Gespräch gestaltet und nicht als das 100. Manifest, welches hochtrabend von der Revolution erzählt. Es ist ein Versuch, auf relativ wenig Seiten an unseren alltäglichen Erfahrungen und Kämpfen anknüpfend die brisanten Themen der Zeit anzugehen. Von der ersten Buch-Tour wird uns berichtet, dass dies auch gelungen sei.
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