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berliner szenenPfeifen einfach günstiger

Wie immer: Die M41 kommt nicht – oder es kommt die ganze Flotte. Heute sind es vier Busse in einer Reihe. Wie Zugwaggons, die aneinandergekoppelt einer Spur folgen. Um sich wieder aufzuteilen, beschließen die ersten beiden, geradewegs an mir und der Haltestelle vorbeizufahren. Der dritte hält, den nehme ich. Es ist kein Doppeldecker, kein sogenannter Gelber Schotte, sondern ein gewöhnlicher Eindecker, zur einfachen Verstärkung. Als die Türen sich schließen, ertönt ein schriller Pfiff. Ich bin verwirrt. Haben die bei der BVG jetzt Zugbegleiter– also Busbegleiter, die die Abfahrt koordinieren?

Noch etwas perplex schlurfe ich durch die Reihen. Vorne ist nicht viel los, also nehme ich direkt in einem Vierer Platz. Mir gegenüber sitzt ein Mann, um die 40, langes dünnes Haar, lange dünne Arme, ungewöhnlich große Ohrläppchen. Er hält etwas in den Händen wie einen kleinen Schatz. Meine Neugier bleibt ihm nicht verborgen, also zeigt er es mir. Sie ist signalrot, vorne schon etwas zerbissen, YOUR LOGO ist gerade noch so lesbar. „Das ist das Mundstück, da puste ich rein. Das ist die Schallöffnung, da kommt der Ton raus. Hier in der Luftkammer ist die Trillerkugel, die bewegt sich, wenn ich reinpuste, so!“ Die Trillerpfeife gellt erneut auf. Ein flirrendes, stechendes Pfeifen durchdringt den Bus. Die Fahrgäste haben schmerzverzerrte Gesichter aufgezogen, sind aber noch so verdutzt, dass sie ganz vergessen, sich zu beschweren. Nicht mal der Busfahrer reagiert. „Willst du auch mal?“ – „Nee.“ – „Is ganz einfach: Das ist das Mundstück, da pustest du rein. Das ist die Schallöffnung …“– „Ich weiß, wie das funktioniert. Aber warum pfeifst du hier?“ – „Weil man im Bus nicht rauchen darf.“ Er zuckt mit den Schultern, wieder ein kurzer Pfiff. „Außerdem: So ’ne Pfeife is auch viel günstiger als Zigaretten.“

Lars Widmann

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