piwik no script img

Wenn einen ein Buch alles vergessen lässt

Wahrscheinlich kommen sie vom Sporttraining oder sie hat ihn von der Schule abgeholt. Jedenfalls sind der Junge und seine Mutter mit Schulranzen, Sportbeutel, Tretroller und Tasche beladen, als sie am Humboldthain aus der S-Bahn steigen. Der Junge ist etwa acht Jahre alt und so in sein Buch vertieft, dass er es nicht mal aus der Hand legt, als sie die Treppe zur Straße hochstapfen. Deswegen muss seine Mama neben dem Ranzen auch den Tretroller tragen. Ihre eigene Tasche sowieso – ein Symbolbild über Mutterschaft und weibliche Care-Arbeit, aber das führt hier vielleicht zu weit.

Eine solche Bereitschaft, sich zwischen den Seiten zu verlieren, sieht man selten. Und noch dazu bei so einem jungen Leser.

Berlin-Gesundbrunnen

95.800 Ein­wohner*innen.

Der Volkspark Humboldthain ist das Grün im Ortsteil. Leseempfehlung: „Zwei Leben in Deutschland“, die Autobiografie des „Dalli Dalli“-Moderators Hans Rosenthal, der vor 100 Jahren im Jüdischen Krankenhaus in Gesundbrunnen geboren wurde.

An der Straße angekommen, greift der Junge nach dem Roller und steigt aufs Trittbrett – ohne den Blick vom Buch abzuwenden. Das balanciert er in der Hand, die gleichzeitig den Lenker hält. In Schlangenlinien versucht er, neben der Mutter herzufahren. Ein unmögliches Unterfangen. Sie lässt es ihn einige Zeit versuchen, bis sie ihn in die Wirklichkeit zurückholt, behutsam und bestimmt. Das Buch kann er ja nachher weiterlesen. Marie Gönnenwein

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen