Wirtschaft: Schicksalswochen für Gröner
Die Krise um den Immobilienunternehmer Christoph Gröner spitzt sich zu. Inzwischen stellten mehrere Gläubiger:innen Insolvenzanträge gegen Firmen seines Konsortiums. Viele Bauprojekte stehen still. Ist die Abwärtsspirale noch zu stoppen?
Von Florian Kaufmann
Vier Anträge auf vorläufige Insolvenz binnen einer Woche – in der Geschäftswelt ist das normalerweise ein Alarmsignal, mindestens. Nicht jedoch für Christoph Gröner. Der umtriebige Unternehmer gibt sich überrascht und verblüfft. Anfragen von Kontext lässt er über seinen Anwalt beantworten. Der schreibt: „Sämtliche der gestellten Insolvenzanträge müssen zurückgenommen werden und werden zurückgenommen, nachdem sich ausstehende Zahlungen entweder mit der jeweiligen Fremdantragstellung überschnitten haben oder aber zwischenzeitlich erfolgt sind.“ Tatsächlich hob das Amtsgericht Leipzig am Dienstag den Beschluss der vorläufigen Insolvenz der Gröner Group auf. Knapp eine Woche stand die zentrale Gesellschaft von Gröners Geschäftsimperium unter der Aufsicht des vorläufigen Insolvenzverwalters. Nur mit dessen Zustimmung konnte Gröner über das Vermögen verfügen.
Die aktuellen Anträge auf Insolvenz berufen sich auf offene Forderungen aus der Sozialversicherung. Eine Krankenkasse der AOK will so Forderungen von mehr als 200.000 Euro an nicht geleisteten Versicherungsbeiträgen sichern. Auf Anfrage sagte Gröners Anwalt, dass keine Beiträge ausstünden. Gröner selbst hatte zuvor öffentlich eingeräumt, dass er „sicher nicht immer pünktlich“ zahle, aber sämtliche Rückstände beglichen würden. Dennoch befinden sich aktuell vier Gröner-Firmen offiziell in der vorläufigen Insolvenz.
Kontext steht mit mehreren Gläubigern in Kontakt, die nach eigenen Angaben teilweise schon Anträge auf Zwangsvollstreckung stellten oder Titel auf Pfändung erstritten.
Fehlende Krankenkassenbeiträge eskalieren schnell
Der Insolvenzantrag einer Krankenkasse gegen Gröners Firmengruppe deutet neue Dimensionen der Zahlungsprobleme an. Bevor eine Krankenkasse einen solchen Antrag stellt, versucht sie ihre Forderung in der Regel zunächst auf anderem Weg einzuziehen. Krankenkassen können Gerichtsvollzieher:innen, den Zoll und häufig Pfändungen des zugehörigen Bankkontos einsetzen, um sich die Beiträge zu beschaffen. Das bestätigt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Erst wenn die Vollstreckungsmaßnahmen „fruchtlos“ blieben, also zum Beispiel das Konto nicht ausreichend gedeckt sei, könnten Krankenkassen einen Insolvenzantrag stellen, erklärt der Sprecher Jens Ofiera. Dazu müssten sie einen „Beweis der Zahlungsunfähigkeit“ vorlegen.
Zudem gelten für Arbeitgeber bei Sozialabgaben besondere Sorgfaltspflichten. Wenn ein Unternehmen Versicherungsbeiträge für die Sozialversicherung nicht abführt, kann dies direkte strafrechtliche Konsequenzen haben. Für das „Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt“ drohen bis zu fünf Jahre Haft. Die zuständige Staatsanwaltschaft Leipzig äußert sich auf Anfrage aus Gründen des Datenschutzes nicht dazu, ob sie deswegen Ermittlungen aufgenommen hat. Allerdings handelt es sich bei der Vorenthaltung von Arbeitsentgelt um ein Offizialdelikt, bei dem eine Staatsanwaltschaft automatisch tätig werden muss, sobald ein begründeter Verdacht vorliegt. Gröners Anwalt sagt dazu: „Es liegt keinerlei strafrechtlich relevantes Verhalten unserer Mandantin vor, sodass weder Ermittlungen noch sonstige strafrechtliche Konsequenzen zu erwarten sind.“
Stillstand in Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart
Derweil stehen viele Baustellen des Gröner-Konzerns still. In der Stuttgarter Rommelstraße wollte der Konzern in einer denkmalgeschützten Villa 1.000 Quadratmeter Wohnraum mit einem „unverbaubaren Blick über das Neckartal“ schaffen. Die Fertigstellung war eigentlich für 2023 geplant.
In der Mannheimer Dudenstraße gibt es zwar eine Baustelle. Allerdings stehen die Arbeiten augenscheinlich wieder still. „Ohne die längst fällige Abschlagszahlung bauen wir nicht weiter“, sagt Oliver Kett, dessen Handwerksunternehmen in dem Gebäude seit Februar mit dem Einbau von Trennwänden beauftragt war. Trotz mehrerer Rechnungen und Mahnungen habe er vom Gröner-Konzern keine Zahlung für die ersten Arbeiten erhalten. Es gehe „gerade mal um einen fünfstelligen Betrag“. Kett will sich das Geld jetzt auf juristischem Weg holen. Gröners Anwalt wollte sich zu dem Fall nicht konkret äußern, das Projekt in der Dudenstraße sei aber „durchfinanziert“.
Die meisten Bauprojekte in Baden-Württemberg hat Gröner in Karlsruhe. Bis auf einen einsamen Bagger am Rand hat sich sonst die Natur das Bauland zurückgeholt. Gar nicht erst begonnen wurden die angekündigten Sanierungen von Gewerbegebäuden in den Stadtteilen Mühlburg oder Grünwinkel. Die Grundbücher für den Wohnungsbau seien angelegt worden und das Baugenehmigungsverfahren laufe, sagt, auf den Baufortschritt angesprochen, Gröners Anwalt.
Einstiger Partner zieht sich zurück
Ein langjähriger Partner von Gröner in Karlsruhe hat sich derweil aus dem Konzern verabschiedet. Durch die Mehrheitsbeteiligung an Martin Müllers GEM Ingenieurgesellschaft hat sich Gröner 2018 den Zugriff auf fast ein Dutzend Karlsruher Immobilien und Grundstücke gesichert. Bis zum Sommer war Müller auch Finanzvorstand der CG Elementum, die im Gröner-Konsortium für den Bau und die Entwicklung der Immobilienprojekte zuständig ist. Er sei kürzlich 60 Jahre alt geworden, und nach sechs Jahren habe er seinen Vertrag auslaufen lassen, sagt Müller. Er wolle sich auf seine eigene Projektentwicklungsgesellschaft konzentrieren. Müller ist bis heute mit etwas mehr als zehn Prozent an den Karlsruher Bauprojekten beteiligt. „Im operativen Geschäft bin ich nicht eingebunden“, sagt er. „Wenn noch ein Gewinn kommt, freuen wir uns, aber ich glaube nicht, dass da in den nächsten Monaten was kommt.“
„Das sieht natürlich nicht gut aus“, sagt Müller zu den vorläufigen Insolvenzen der Gröner-Unternehmen. Die Zeiten seien für alle Immobilienentwickler schwierig.
Das „Handelsblatt“ berichtete diesen April über „einen Berg von Schulden“, den die Gröner Group vor sich herschiebe. Auch Gröner selbst kommt dabei zu Wort – und deutet an, dass nicht alles rund läuft: „Zuletzt habe ich zum Wohle meines Unternehmens mehrere Villen in Südfrankreich und einige Porsche aus meiner Sammlung verkauft.“
Die Einschätzungen der Wirtschaftsauskunftdienstleister sind alarmierend. „Das Ausfallrisiko wird als sehr hoch eingeschätzt. Von der Geschäftsverbindung wird abgeraten“, lautet die Empfehlung einer großen Auskunftei bei vielen Gröner-Unternehmen.
In der aktuellen Situation an frisches Geld zu kommen, wird für Gröner zunehmend schwierig. Zumal alleine die Karlsruher Grundstücke schon mit Grundschulden von fast 200 Millionen Euro belastet sind. Der Großteil davon liegt bei der Sparkasse Karlsruhe, die sich zuletzt auf Anfrage dazu nicht genauer äußern wollte. „Aufgrund einer Vielzahl in den letzten Wochen getätigter Maßnahmen ist von einer zeitnahen nachhaltigen Stabilisierung der Unternehmenssituation auszugehen“, sagt Gröners Anwalt. Man baue auf „verlässliche Partnerschaften“ mit Banken und Investoren.
Sollte Gröner in die Insolvenz rutschen, hätte das nicht nur Folgen für den dringend notwendigen Bau von Wohnungen, sondern insbesondere in Karlsruhe auch für die gesamte Stadtentwicklung. Die Stadt Karlsruhe gehört über eine städtische Tochter ebenfalls zu den Gläubiger:innen Gröners. Trotz Ablauf der Frist ließ die Stadtverwaltung auch eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz zu Treffen und der Zusammenarbeit zwischen Gröner und Vertreter:innen der Stadtspitze bislang unbeantwortet.
Wie wird es weitergehen, gelingt Gröner noch einmal die Wende? „Ich glaube, Gröner schafft das. Es ist aber nur ein Gefühl. Genauere Einblicke habe ich nicht“, sagt der ehemalige Geschäftspartner Müller. Das würde auch Gröners Gläubiger Oliver Kett gefallen, der auf sein Geld wartet.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen