: Augenblick mal!
Die Fotografin Maria Sewcz hat den Wandel Berlins in Momentaufnahmen festgehalten. Sie verdichtet und reduziert – und zeigt eine andere Sicht auf die Stadt, die man doch längst zu kennen glaubte
Blauer Himmel, an filigranen Ästen hängen rosafarbene Kirschblüten. Man könnte sich in einem Garten wähnen, vielleicht in Japan. Wären da nicht die Altbaufassaden im Hintergrund, die das Bild in einen anderen Kontext setzen, mitten in die Stadt.
Dann der Blick nach unten. Auf grauen Pflastersteinen sieht man einen Blutfleck in der grellen Sonne. So viel Blut, dass es sich zwischen den Rillen der Steine sammelt, es glänzt noch feucht. Einzelne Tropfen sind zu erkennen, daneben eine Kippe. Etwas ist hier geschehen, nichts Gutes, so viel lässt sich vermuten.
Diese beiden Motive hat die Fotografin und Künstlerin Maria Sewcz an den Anfang ihres Fotobuchs „Jetzt, Berlin“ gestellt. Zwei Momentaufnahmen der Stadt, die gegensätzlicher kaum sein könnten und die man als Rahmen begreifen kann für das, was folgt: 59 Fotos auf 128 Seiten, alle Bilder sind auf Doppelseiten abgedruckt. Die Stadt zwischen ganz oben und ganz unten, Himmel und Dreck.
Nun könnte man einwenden: Schon wieder eine Fotoarbeit über Berlin, wie langweilig. Maria Sewcz hat jedoch ihren eigenen, geradezu eigensinnigen Blick auf die Stadt. Sie verdichtet, reduziert. Etwa, wenn sie nur eine Baumscheibe zeigt. Man kommt nicht umhin, sich die Kronkorken, die Wurzeln genauer anzusehen. Und warum steht das Kind hinter dem Baum?
Sewcz fotografiert keine Sehenswürdigkeiten, keine repräsentativen Gebäude und wenn, dann aus einer neuen Perspektive. So entsteht eine andere, eine überraschende Sicht auf die Stadt, die man doch längst zu kennen glaubte.
Es gibt in dem Band keine Bildunterschriften, nicht mal Seitenzahlen. Die Fotos sollen für sich sprechen, so viel wird klar. Nur die Orte, an denen Sewcz fotografiert hat, werden am Ende des Buches chronologisch aufgelistet.
Seit den 80er Jahren lebt Maria Sewcz in Berlin. 2013 fing sie an, für dieses Projekt zu fotografieren. Sie kam damals von einem längeren Aufenthalt in Rom zurück und musste sich neu orientieren. Die Bilder für den Band entstanden im Wesentlichen in den folgenden Jahren. Zu der Zeit waren Immobilien in Berlin ein lukratives Anlageprojekt, das Wohnen in der Stadt wurde zum Luxus. Menschen mit wenig Geld mussten sich sagen lassen, dass es kein Menschenrecht auf ein Leben in der Innenstadt gebe. Das machte sich im Stadtbild bemerkbar, aus ehemaligen Arbeitervierteln wurden schicke Kieze.
Sewcz spürt diesen Veränderungen mit ihrer Kamera nach. Ihre Bilder zeigen den ständigen Wandel, heute sieht Berlin teils schon wieder anders aus. Auf diese Zeitlichkeit verweist auch der Titel des Buchs. Im Jetzt hält Maria Sewcz den Moment fest – und schon ist er wieder vorbei. Isabel Lott
Maria Sewcz,Jahrgang 1960, ist Bildende Künstlerin und Fotografin. Sie lebt in Berlin. Ihr Fotoband „Jetzt, Berlin“ (36 Euro) ist bei Spector Books erschienen.
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