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GesellschaftRatlosigkeit und Zorn

Wie kann so jemand so einen Posten ergattern? Diese Frage stellt sich nach dem Prozessauftakt gegen den Polizeiinspekteur Andreas Renner. Ihm wird sexuelle Nötigung vorgeworfen. Tatort: eine Fußball-Kneipe. Zwei Ortsbesuche.

Es ist Freitag, früher Abend, vor dem Landgericht Stuttgart in der Olgastraße. „Die Frau hätte doch einfach gehen können“, sagt eine alte Dame und schüttelt verwundert den Kopf. Sie steht da mit einer etwas jüngeren Frau und zwei Männern, allen läuft der Mund über. Innen im Gerichtssaal haben sie gerade die Videos gezeigt. Zu sehen: Im November 2021 kommt der angeklagte Polizeiinspekteur Andreas Renner (49), Baden-Württembergs ranghöchster Polizist, zusammen mit einer Kriminalhauptkommissarin (34) in eine Kneipe, die beiden setzen sich an einen hohen Tisch gleich neben dem Eingang. Sie unterhalten sich, trinken Bier (er) und Whiskey-Cola (sie), irgendwann knutschen sie, reden wieder. Die Bilder sind ohne Ton, offenbar ist es laut in der Kneipe, als die Bedienung kommt, beugt sich die Frau über den Tisch, um ihre Bestellung ins Ohr des Kneipiers zu rufen. Ein Mann klopft zur Begrüßung auf den Tisch. Er kennt Renner offenbar. Es wird geredet, der Mann schüttelt der Frau die Hand, geht. Weiter: reden, Renner küsst die Hauptkommissarin wiederholt väterlich auf den Scheitelansatz, sie fällt mit voranschreitender Nacht immer wieder an seine Schulter.

Wenig Handlung also, es wird zäh und Be­su­che­r:in­nen und Be­ob­ach­te­r:in­nen fangen an, miteinander zu flüstern. „Ist das ein Hemd oder ein Shirt, was sie anhat?“ „Ein Shirt, ist doch eng“, hilft eine ältere Journalistin einer jüngeren bei der richtigen Wortwahl. „Ich glaub, ich muss mit unserem Oberarzt auch mal in die Kneipe, der ist voll süß“, sagt eine Frau in Sportklamotten leise zu ihrem Nachbarn. Der antwortet: „Das Betriebsklima stimmt jedenfalls bei denen.“ Sie: „Der hat schon Charme, der Typ.“ Er: „Die Frau auch.“ Sie: „Der sieht aus wie mein Papa früher.“ Kurz darauf: „Naja, ist schon sehr peinlich, so in der Öffentlichkeit.“ Und schließlich: „Ist mir zu langweilig, ich geh jetzt was essen.“

Der Richter spielt an diesem Nachmittag sechs von elf circa 20-minütigen Videos vor, dann findet auch er, es reiche, der Rest werde am nächsten Verhandlungstag gezeigt. Zu erwarten ist: reden, knutschen, rausgehen, reinkommen. Laut Anklage hatte die Hauptkommissarin draußen vor der Kneipe plötzlich Renners leicht erigiertes Glied in der Hand gehabt, sich geekelt, aber nicht getraut sich zu wehren wegen des Abhängigkeitsverhältnisses. Denn: Dieser Kneipenbesuch war Abschluss eines Tages, an dem sie sich mit Renner bereits in dessen Büro getroffen hatte. Renner sei, so die Anklage, ihr Mentor gewesen, der ihr beim Bewerbungsverfahren für den höheren Dienst helfen sollte. Schon im Büro gab's Sekt, es folgte eine erste Kneipe zusammen mit Kollegen, dann zogen die beiden alleine in die nächsten Kneipe. Und auch ohne Video fragt sich der erwachsene Mensch: Wie bitte? Der Mann, ihr Vorgesetzter, soll sie beraten und dann wird den halben Tag und die halbe Nacht gesoffen?

Sind Frauen selber schuld?

Die Irritation ist auch den vier Be­su­che­r:in­nen anzumerken, die nach der Verhandlung vor dem Gericht diskutieren und ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Jedenfalls drei der vier. Der vierte ist ein pensionierter Kriminalkommissar und der ist weniger irritiert als vielmehr erbost über die Personalpolitik bei der Polizei. „So jemanden will doch weder die Gesellschaft noch irgendeiner in der Polizei als Chef haben“, sagt er sichtlich sauer. Die alte Dame findet das Ganze zwar unappetitlich, aber herrje, „der Mann hat eben auch ein Privatleben. Und sie hätte doch gehen können. Die etwas Jüngere, lockiges Haar, ist kurz vor der Schnappatmung. „Ich kann das nicht mehr hören! Immer sind die Frauen selber schuld. Das wurde mir schon als junges Mädchen gesagt: Du musst dich nicht wundern, wenn du so einen Minirock trägst.“ Jetzt sei sie Anfang 60 und noch immer werde „so ein Scheiß geredet“. Bevor die Locken-Frau wieder Luft holen kann, schaltet sich der dabeistehende Mann ein. Der Mittvierziger meint: „Der wird verurteilt. Ganz bestimmt. Da waren im Vorfeld ja schon andere Sachen. Der soll ja so Fotos von sich verschickt haben.“ Er hat die „Bild“ gelesen. Unter anderem da stand in den Tagen vor dem Prozess, Renner habe in seiner Zeit bevor er Polizeiinspekteur wurde, Dickpics verschickt. „Das belastet ja auch“, ist sich der Mann sicher.

Der Kriminalkommissar zuckt mit den Schultern. „Ich setze auf das Disziplinarverfahren, das noch aussteht.“ Da würde Renners Verhalten bewertet, das könne bis zur Entfernung aus dem Dienst führen. Und wer leitet dieses Disziplinarverfahren? Der Pensionär lacht. „Gute Frage. Tja, diejenigen, die ihn auf den Inspekteursposten gehievt haben.“ Renner möge zwar „blitzgescheit“ sein, aber: „Das reicht nicht.“ Ihm selbst sei in seiner Laufbahn eindringlich der Rat gegeben worden: Nie was mit einer Kollegin anfangen, das gehe für beide immer schlecht aus. Mittlerweile würden zu viele „Projektler“ Karriere machen. „Der Renner ist auch so einer. Der hat nicht zehn Jahre im Revier gearbeitet.“

Die Frau mit den schwarzen Locken würde wetten, dass Renner freigesprochen wird. „Die kommen doch immer durch, diese Typen.“ Zumal es ja zwei Schöffinnen gebe, sagt die alte Dame. Sie findet: „Bei so einem Fall müsste es ein Mann und eine Frau sein. Aber das spielt wohl keine Rolle bei Gericht.“ Der Mittvierziger ergreift wieder das Wort und hat plötzlich eine andere Sichtweise. „Vielleicht will die Frau sich rächen.“ Einspruch von der jüngeren Frau: „Ihre Bewerbung hat sie selbst zurückgezogen.“ Er: „Die soll ja auch was mit ihrem früheren Chef gehabt haben. Hmm.“ Den Ex-Kommissar interessiert etwas anderes: „Es ist ein Skandal, wie der Renner Inspekteur geworden ist.“ Da habe der Strobl (Thomas, Innenminister, CDU) gesagt, macht das mal passend für den und „dann haben die das gemacht“. Das wisse er aus dem Untersuchungsausschuss des Landtages, in dem derzeit die Beförderungspraxis in der Polizei untersucht wird. Ein normales Bewerbungs- und Auswahlverfahren sei das jedenfalls nicht gewesen, damals Ende 2020. Und er glaubt: „Wenn der Renner verurteilt wird, ist der Strobl auch weg.“

Im Corner wird VfB geguckt

Drei Stunden später, Freitagabend. In der Kneipe „The Corner“ in Bad Cannstatt ist es knallvoll, der VfB spielt gegen Augsburg. Hierher ist Renner mit der Polizistin spätabends im November 2021 gegangen, von hier stammen die Videoaufzeichnungen. Bisher hat das Corner ein normales Kneipenleben geführt. Leute aus der Nachbarschaft kommen, trinken Bier, essen eine Salamibaguette, rauchen, quatschen. Manchmal gibt es Livemusik und wenn der VfB spielt, kommen die Fans. Noch läuft HSV gegen Sankt Pauli, die Sympathien der 70 bis 80 Gäste liegen bei Pauli (die verlieren), doch konzentrierte Blicke auf die Leinwand gibt es erst, als der VfB angepfiffen wird. Es ist wie in jeder Fußballkneipe, man trinkt Halbe, buht, wenn ein Stuttgarter Spieler eine gelbe Karte bekommt, erkennt Abseits schneller als der Schiedsrichter und pfeift Augsburger Spieler aus, die hinfallen. In der Halbzeitpause ist die Stimmung gedämpft, Augsburg führt seit der achten Minute mit 1:0.

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