: Ohhh!
Von unserer Kontext-Redaktion↓
Das Staunen ist, da waren sich Platon und Aristoteles einig, der Ausgangspunkt aller Philosophie. Denn fundamentale Verwunderung liefert Anreize, nach Ursachen Ausschau zu halten und bisherige Erklärungsmodelle auf den Prüfstand zu stellen. Wenn man unseren turbulenten Zeiten also etwas Positives abgewinnen möchte, dann vielleicht, dass sie nicht nur eine hohe Krisen-, sondern auch eine überaus beachtliche Kuriositätendichte vorzuweisen haben. Für heruntergeklappte Kinnladen sorgten beispielsweise die ausgeflippten Dance Moves der finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin, die trotz Regierungsverantwortung ein – und jetzt halten Sie sich fest! – Privatleben zu führen scheint.
Ebenfalls für Staunen, wenn auch weniger begeistertes denn entrüstetes, sorgte vergangene Woche gleich mehrfach der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz. Einmal dank spektakulärer Erinnerungslücken im Cum-Ex-Untersuchungsausschuss, der in Hamburg zur Aufklärung des größten Steuerraubs in der Geschichte der Republik beitragen soll. Und dann weil Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, im Beisein des Kanzlers behaupten darf, Israel sei für „50 Holocausts“ verantwortlich und die beiden sich mit Händedruck verabschieden. Immerhin schaute er grimmig.
Viel grimmiger als bei den aktuellen Strom- und Gaspreisen können auch große Teile der Bevölkerung gar nicht gucken. Umso mehr sorgt die Energiepolitik der Bundesregierung für Stirnrunzeln: Nachdem viele große Konzerne wie RWE sich trotz Krise über spektakuläre Gewinne freuen können, wird nun die Mehrwertsteuer auf Gas reduziert – wobei Kanzler Scholz von den „Unternehmen erwartet, diese Entlastung eins zu eins an die Kunden weiterzugeben“. Und schon wieder steht der Mund offen: Ist so viel Naivität authentisch oder gespielt?
Nicht wirklich verwundert, aber doch irritiert sind wir in der Redaktion über die neuerdings offengelegten S-21-Akten, die belegen, wie die Öffentlichkeit nach Strich und Faden belogen wurde. Wobei zu den Irritationen beiträgt, dass die Enthüllungen kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, weil es anscheinend ohnehin der Erwartungshaltung entspricht, von der Politik getäuscht zu werden.
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