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Rastlos unterwegs

Von unserer Kontext-Redaktion↓

Vorsicht, wenn Ihnen ein Mann im blauen Anzug und mit gehetztem Blick begegnen sollte – es ist der Stuttgarter Oberbürgermeister. Frank Nopper von der CDU will Ihnen Haus und/oder Grund wegnehmen. Er braucht Platz für eine Kletterhalle, in der gestresste Banker bouldern können, für Hajek-Kunstwerke, die heimatlos in der Gegend herumstehen, für einen völlig überraschenden Ergänzungsbahnhof, und für den „Schwäbischen Laokoon“, der vor dem Stadtpalais verschwinden und an ande­rer Stelle wieder auftauchen soll. Dafür ist der neue OB rastlos unterwegs, weil er aus seiner früheren Wirkungsstätte Backnang weiß, dass es wichtig ist, die wichtigen Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Ganz schwierig ist es bei diesem Laokoon von Peter Lenk, der den Protest gegen Stuttgart 21 in Form gegossen hat. Wie erinnerlich war es eine ziemliche Kugel­fuhr, das Monster-Denkmal überhaupt nach Stuttgart zu kriegen. Nachdem sich rumgesprochen hatte, dass der Skandal-Bildhauer die ganzen S-21-Schlimmfinger von der CDU nackig zeigen würde, den grünen Landesvater sogar meterhoch, läuteten die Alarmglocken in den Amtsstuben, Partei- und Chefbüros, insbesondere in dem von Fritz Kuhn, also dem Vorgänger von Nopper. Aber auch der grüne Fritz konnte es nicht mehr verhindern, weil ihm das Protestvolk im Nacken saß.

So kam das Denkmal im Oktober 2020 nach Stuttgart vor das Stadtpalais, als „temporäre Ausstellung“, wie die mühsam ausgehandelte Sprachregelung lautete. Daran änderten auch die „täglichen Pilger­ströme“ nichts, welche die „Stuttgarter Zeitung“ registrierte, die andererseits bemängelte, dass das Lenksche Schaffen keine Kunst sei. Ähnlich empfand wohl auch Torben Giese, der Direktor des Stadt­palais, dem die Skulptur auf die Dauer „zu vulgär“ erschien. Er möchte so bald wie möglich das Festival „Stuttgart am Meer“ vor seiner Freitreppe, sprich Sand, Sonnenliegen und -schirme für ein gutes Leben im urbanen Raum. Die Bauarbeiten dafür, direkt an der B14, sollen am 1. Juli beginnen, und da stört der Laokoon. Kretschmann hat ja nicht einmal eine Badehose an.

„Wenn der Giese unbedingt an der Bundesstraße sandeln will“, spottet Lenk, „soll er das tun“. Was aber nun tun? Zum einen gibt es eine Petition für den Verbleib des Denkmals in Stuttgart, zum anderen bemüht sich Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle weiterhin um Beistand von städtischen WürdenträgerInnen. Begleitschutz kommt auch vom linken Stadtrat Tom Adler, der Grüne und SPD für einen gemeinsamen Antrag gewinnen will. Er unterstützt Peter Lenk in seiner Maximalposi­tion: Die Skulptur bleibt, wo sie ist. Sonst eben zurück nach Bodman. Das will der Menschenfreund vom Bodensee dem Stuttgarter Oberbürgermeister mitteilen. Er hätte da einen Vorschlag zu machen, sagt Lenk, nachdem er vernommen hat, wie wichtig dem Christdemokraten die „Versöhnung“ der Stadt mit Stuttgart 21 sei. Nopper möge einfach mit seinem Denkmal vor dem Stadtpalais anfangen.

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