… DER DÖNER?

Schwäbeln

Worte wie angeschärfte Grillspieße: „Wenn das stimmt, muss die Geschichte des Döner in Deutschland neu aufgerollt werden.“ Sagt Jürgen Kirchherr, Geschäftsführer des Gaststättenverbands Dehoga in Baden-Württemberg. Und fügt hinzu: „Das ist mehr als überraschend.“

Was ist passiert? Haben schwäbische Archäologen am Rande der Alb ein fossiliertes Fladenbrot entdeckt? Ist ein Brief im Marbacher Schiller-Archiv aufgetaucht, aus dem hervorgeht, dass unser Nationaldichter gerne „scharf mit alles“ aß? Nein, die Fakten sind bescheidener – aber für Berlin dramatisch genug. Denn ein Reutlinger behauptet nun, er, Nevzat Salim, und nicht irgendein dahergelaufener Spreetürke habe den Döner unter die Deutschen gebracht.

Wo dieses Reutlingen liegt, weiß man in der Hauptstadt gar nicht so genau, eher kennt man hier Bursa, wo Salim in den fünfziger Jahren geboren wurde. Von dort brachte der heute 59-jährige Gastronom die Drehspieß-Expertise mit, als er 1968 mit seinen Eltern einwanderte. Schon ein Jahr später will er mit seinem Vater auf dem Reutlinger Marktplatz den ersten Döner im Brot verkauft haben.

Erblickte der Teutonen-Kebab also schon 1969 das Licht der Welt einer südwestdeutschen Kleinstadt? War nicht 1972 die Geburtsstunde des exotischen Snacks, als Kadir Numan in Berlin die ersten Zutaten ins Brot purzeln ließ? Das ist die Version des Vereins türkischer Dönerhersteller in Europa, der auch die Döner-Messe Döga veranstaltet. Wobei es einen weiteren Berliner namens Mehmet Aygün gibt, der bereits 1971 die orientalische Klappstulle erfunden haben will.

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte, irgendwo zwischen Zwiebel und Rotkraut. Etwas in der Erzählung des Reutlingers lässt skeptische Berliner allerdings aufhorchen: Weil es damals hierzulande keine türkischen Bäcker und somit kein frisches Fladenbrot gegeben habe, so Nevzat Salim, hätten sein Vater und er „Doppelweckle“ befüllt. Ein nettes Detail. Aber halt: Heißt es nicht, die Symbiose von Grillfleisch und Brot sei erst in unseren Breiten entstanden? Schummelt da einer? Wie auch immer: Die Vergleichende Dönerforschung hat noch viel zu tun. CLP Foto: reuters