berliner szenen: In andere Zeiten katapultiert
Als ich in Wedding ankomme, bin ich am Frieren. Nach acht Kilometern mit dem Rad aus Weißensee kann ich meine Finger kaum spüren. Ich habe das Gefühl, sie wären aus Keramik und könnten jederzeit auseinanderbrechen. Die Esplanade des Schillerparks sieht wie ein Wintergemälde des flämischen Malers Pieter Brueghel aus, nur dass heute in Berlin die Sonne scheint und die Landschaft stellt sich alles anders als düster vor. Ich möchte auch Teil des Bildes sein und mit Schnee spielen, doch ich muss mich dringend aufwärmen.
Die Freundin, die auf mich wartet, hat Kaffee gekocht, sie überlässt mir ihre Pantoffeln und den Platz an die Heizung. Wir essen hausgemachtes Apfelkompott und nach einem türkischen Rezept eingelegte Quitten. Dazu Salzstangen aus Schokolade, die ich für sie und ihre Freundin für Weihnachten reserviert hatte.
Wegen Corona haben wir uns lange nicht mehr gesehen und ich komme zu ihnen mit der Ausrede, mir einige Bücher für eine Recherche anzuschauen. Ich setze mich auf den Teppich hin und fange an, in der Bibliothek zu stöbern, im Regal der dicken Fotobücher. Einige Seiten markiere ich mit Papierstreifen und ich mache mir Notizen.
Auch wenn ich die Recherche ebenso hätte im Internet machen könnte, finde ich es gemütlicher und schöner, sie so zu machen. Es fühlt sich an, als wäre ich in andere Zeiten katapultiert worden und würde mich zum Beispiel 2001 im Verlagshaus in Buenos Aires befinden, wo ich als Praktikantin stundenlang in Mappen voller Zeitungsartikel Informationen für die Redakteur*innen suchte – die Digitalisierung des Archivs war gerade erst in Planung.
In diesem Moment kommt die Freundin mit einer Kanne Chai rein und sagt: „Wir haben einen Fotokopierer, falls du etwas fotokopieren willst.“ Luciana Ferrando
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