Die Stadt wird zum Radio

Die französische Klangkünstlerin Bérangère Maximin geht in ihrem neuen Album, „Land of Waves“, mit Sounds an den Start, die die Stadt paradoxerweise als Tropenwald voller Insekten hörbar machen

In der Stadt und auf dem Land zu Hause: Bérangère Maximin Foto: Hoyt Lean

Von Robert Mießner

Aus dem Dschungelbuch für Städtebewohner: Das neue Album der französischen Klangkünstlerin Bérangère Maximin geht mit Sounds an den Start, die einem Tropenwald voller Insekten und Vögel abgelauscht sein könnten. „Land of Waves“ heißt es und lässt im Titel Geografie und Meteorologie assoziieren, beides Disziplinen, die für Unterwegsmenschen von einiger Wichtigkeit sind.

Bérangère Maximin ist mit ihrer sechsten Albumveröffentlichung tatsächlich eine Reisende geworden, im Wortsinne eine Passagierin: Im Französischen meint „passagere“ „gehen“ oder „überschreiten“. Auf „Land of Waves“ destilliert Maximin über vier LP-Seiten akustische Eindrücke aus diversen Ecken Europas, aus Vorstädten, aufgelassenen Gebäuden und Stadtparks. Im „Land of Waves“ wird nicht nur gezirpt und gesungen, sondern der Rush Hour einer südlichen oder östlichen Metropole ähnlich gegrollt und rumort. Dabei sind Zeit und Ort des Albums fluide.

Der „Day 41“, mit dem die kontinentale Flâneuse Maximin das Logbuch ihrer abenteuerlichen Reisen aufschlägt, kommt wahlweise als gemächlich erwachender Morgen oder langsam raunender Abend daher. Über einem getragenen Streichermotiv deutet sie elektronische Beats an und setzt glockenartige Perkussionsakzente. Wie mit einem Fingerschnippen lässt Maximin die Streicherflächen verschwinden und eine Orgel auffahren, um dann wieder die Streicher einzusetzen, nur eine Klangschicht dahinter, wobei auch das eine Frage des Hörstandpunkts ist. „Kalimba Rough“ heißt der zweite Track des Albums, sein Klangraum ist ein dunkler, nicht düsterer Ort mit viel Hall, sein Titel einem traditionellen afrikanischen Zupfinstrument entlehnt.

„The Broken Shoe“ spukt daraufhin in einem aufgelassenen Schwimmbad, für dessen Besuch festes Schuhwerk unbedingt empfoh len sei. Bérangère Maximin macht die Stadt zum Radio: Die B-Seite der LP eröffnet sie mit „A Kind of Night Ritual“, es ist das einzige Stück, in dem eine sofort als solche zu erkennende menschliche Stimme zu vernehmen ist. Ein Regen hat eingesetzt, ein Donnern sich ihm beigesellt. Im Unterholz knistert Feuer, und immer wieder pochen Beats auf ihr Recht und werden unterbrochen. Das alles könnte so sein, muss es aber nicht. Wahrnehmungsebenen verschieben sich; Rhythmen und Echos überkreuzen sich in einer angesteckten und glimmenden Atmosphäre.

Die schwüle Unheimlichkeit von „Land of Waves“ verführt zu einem Begriffspaar, dem Bérangère Maximin zustimmt: Tropical Gothic. Die Künstlerin in einer E-Mail: „Das bringt mich zum Lachen, warum also nicht? Eine witzige Assoziation und in dem Sinne passend, dass ich mir meine Texturen immer als Zusammenspiel von Wärme und Kälte vorstelle.“ Tatsächlich ist das Vorgängeralbum von „Land of Waves“ 2017 unter dem Titel „Frozen Refrains“ erschienen.

Wie mit einem Fingerschnippen lässt Maximin die Streicherflächen verschwinden

In Berlin war Maximin vor fünf Jahren zu hören, in einem gut beheizten Juni in der Charlottenburger Friedenskirche, ein Abend, den sie sich mit dem Krautrock-Gitarristen Günter Schickert teilte. Zwei Tage darauf ist sie im Neuköllner Noise-Hinterzimmer Loophole aufgetreten, ebenso wie der New Yorker Musiker und Produzent Martin Bisi, der Alben von Bands wie den Swans, Material und Sonic Youth ihre Ecken und Kanten mitgegeben hat.

Bérangère Maximins Debütalbum ist 2008 erschienen, auf Tzadik, dem Label, das der US-amerikanische Komponist und Freejazz-Saxofonist John Zorn seit Mitte der Neunziger als Heimathafen experimenteller Musik betreibt. „Land of Waves“, verlegt von dem Berliner Label Karlrecords, bringt einen langjährigen Weggefährten Zorns ins Spiel: Der britische Komponist, Improvisator und Gitarrist Fred Frith bildet mit Maximin und den Musikern Colin Johnco, Kirikoo Des und Roméo Poirier auf dem Stück „Walking Barefoot“ ein imaginäres Quintett.

Das Irre daran: Plötzlich werden die Beats nicht mehr fragmentiert, jetzt fahren sie hoch und haben deutlich mehr Puste. Davor hat Maximin ein Experimental-Epos geschaltet: „Lá Echaqqe“ nimmt die komplette C-Seite des Albums ein und mündet in ein funkensprühendes Stahlwerks-Ritual. Mit „The Thread“, das zu „Kalimba Rough“ von der A-Seite aufschließt, klappt Bérangère Maximin ihr Album zu. Aus dem Radio ist dann doch noch eine weitere Menschenstimme zu hören, es dürfte die eines Kindes sein.

Bérangère Maximin: „Land of Waves“ (Karlrecords)