berliner szenen: Welcome to Befehlston, everyone
Move! No one stand outside! Hurry up!“, brüllt eine Frau in gelber Warnweste am Eingang der Passkontrollhalle am Flughafen Tegel mit starkem deutschen Akzent. Als die Frau noch einmal aggressiver „Move!“ brüllt, beginnen die Hintenstehenden so zu drängeln, dass ich beinahe über mein Gepäck stolpere. Vor Übermüdung kann mich kaum mehr auf den Beinen halten: Ich komme gerade aus der Ostukraine, bin bereits seit mehr als 20 Stunden unterwegs, ungeduscht und vollkommen überreizt. Eine Dreiviertelstunde warte ich in der Schlange, rieche Schweiß und Parfums, höre Mägen knurren und Gase entweichen.
Endlich vor dem Flughafengebäude schleife ich mein Gepäck zum nächsten Taxi. Sosehr ich die öffentlichen Verkehrsmittel schätze: Weitere Geräusche, Gerüche und Eindrücke hielte ich nicht mehr aus. Die Taxifahrerin wiederum freut sich anscheinend über Gesellschaft. Als im Radio in einem Beitrag über die Wiedervereinigung der Name Kohl fällt, erzählt sie: „Ich hatte mal einen Fahrgast, der aussah wie Helmut Kohl. Das war damals im Wahlkampf gegen Gerhard Schröder. Ich habe ihn lange beobachtet und überlegt, ob ich ihn darauf anspreche. Er wirkte etwas zu dünn, hatte aber genau das gleiche Gesicht. Da habe ich es einfach gewagt. Und er meinte: Sie werden es nicht glauben, aber ich heiße Schröder!“
Als ich drei Anekdoten später zu Hause ankomme, fühle ich mich wie ein voll gesaugter Schwamm, der dringend ausgewrungen werden muss. Die Ereignisse der vergangenen Tage lassen mich nicht los. Das letzte, was ich vor meinem inneren Auge sehe, ehe ich einschlafe, ist ein Mann mit Dreads, der gleichzeitig mit mir durch die Passkontrolle ging und beim Passieren der Schranken wie in Ekstase schrie: „Welcome to Berlin, you motherfuckers!“ Eva-Lena Lörzer
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen