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berliner szenenSeltsame Straße mit k und a

Nach längerer Zeit treffen N. und ich uns an unserem Lieblings-Späti. Die Holzbänke vor der Tür sind verlassen, von den Stammgästen fehlt diesmal jede Spur. Auch das Sortiment hat sich verändert: Im Kühlregal gibt es nun Champa­gner für 100 Euro die Flasche, am Tresen werden Aphrodisiaka und Cannabis ohne THC angeboten.

Wir trinken Bier und beobachten die vorbeirauschenden E-Scooter und Passanten, als sich drei Männer an den Nachbartisch setzen. Der Späti-Besitzer deutet auf einen der drei und sagt: „Darf ich vorstellen? Das ist der Sohn von Bill Gates!“ Tatsächlich hat der Mann gewisse Ähnlichkeit mit dem Microsoft-Gründer. Er grinst breit und sagt: „Ach was, ich bin der hässliche Schwiegersohn!“ Dann lacht er ein Lachen, das etwas an Ernie aus der Sesamstraße erinnert.

Später fragt er, ob wir einen Witz hören wollen. Ohne eine Antwort abzuwarten, erzählt er gleich zwei: über einen Mann, der beim Zahnarzt keine Betäubung möchte und Viagra bekommt – „damit es wenigstens etwas zum Festhalten gibt“ – und einen Jokus über die Frau eines Restaurantbesitzers, die im Bett ruft: „Ich hätte gerne die 68!“ Keiner der Witze ist lustig, seine Ernie-Lache aber ansteckend.

Eine angetrunkene Frau kommt vorbei und fragt auf Englisch, in welcher Straße sie sich befinde. Unsere Antwort irritiert sie. Sie ruft ungläubig: „Bullshit! That can’t be the name!“ Ich versichere ihr, dass der Straßenname stimmt. Sie tippt etwas in ihr Handy und hält es mir fragend hin. Ich lese: „Cunt“ – also Fotze – und muss so laut lachen, dass der selbst ernannte hässliche Schwiegersohn zu uns rüberkommt. Er blickt auf das Handy der Frau und feixt: „Lacher des Tages!“ Dann erklärt er ihr schmunzelnd: „It’s Kantstraße. With K and a.“ Die Frau murmelt: „Still strange.“

Eva-Lena Lörzer

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