talk of the town

Wollt ihr den totalen Dean?

Seit 64 Jahren ist der Schauspieler James Dean tot. Nun soll er mithilfe von Computer­technik eine tragende Rolle in einem Vietnamfilm übernehmen. Ist das eine gute Idee?

Das ist der „echte“ James Dean, wie gewohnt mit Zigarette im Mund Foto: Warner/dpa

pro

In einem Streifen, der sich im Wesentlichen um Hunde dreht, soll es nach Aussage des Regisseurs eine Rolle mit so „äußerst komplexer Charakterentwicklung“ geben, dass „nach Monaten der Suche“ nur James Dean dafür in Frage gekommen sei. So jedenfalls zitiert der Hollywood Reporter den Regisseur des Films „Finding Jack“.

Dass der Rechteinhaber an der Figur James Dean – seine Familie – die Ikone für eine solche Schmonzette verkauft, mag empören, wer noch an traditionelle Werte glaubt; und doch fragt man sich, warum, wenn es schon um Hunde geht, nicht Charlie Chaplin aus „Ein Hundeleben“, warum nicht der strahlend junge James ­Belushi aus „Mein Partner mit der kalten Schnauze“ (1–3) oder die wunderbare Liz Taylor aus „Lassie“ mittels Computer Generated Imagery (CGI) wiederbelebt wird – oder eben gleich Lassie selbst.

Nein, James Dean soll es sein – aber wieso? Die Antwort liegt in der Grundfrage, die bei jeder Produktion von Kunsthandwerk irgendwann auftaucht: Warum eigentlich nicht? Warum eigentlich nicht neue technische Möglichkeiten nutzen, um etwas zu tun und zu zeigen, was noch niemand je getan und gezeigt hat? Spektakel funktioniert so: Es ging mal los mit jemandem, der mit drei Bällen jonglieren konnte, dann kam einer mit vier, jemand mit fünf und immer so weiter. Das Publikum jauchzt, bis es genug hat, ach nö, nicht schon wieder ein generierter Heath Ledger oder River Phoenix, eine wiedergeborene Marilyn Monroe, danke, es reicht.

Überlassen wir die Sache also dem Markt – und hier wird es interessant. Denn was das Publikum wirklich sehen will, sind nicht künstlich-künstlerische Hervorbringungen, sondern echte. Also eine Art Menschenzoo, in dem geklonte James Deans oder Paul Walkers live mit ihren Porsches verunglücken; oder, für zartere Gemüter, in denen echte Mammuts kleine süße Mammutbabys bekommen, die dann von fiesen Neanderthalern Steinzeitklippen hinuntergejagt werden.

Wir müssen, kurz gesagt, das, was nun mit James Dean geschieht, als Vorstufe beziehungsweise, für kritische Geister, als Menetekel betrachten. Spektakulär wird es auf jeden Fall! Ambros Waibel

contra

Schließen wir für eine Minute die Möglichkeit aus, dass diese Meldung nichts weiter ist als ein PR-Stunt. Zwei Filmemacher, die mit ihrer gerade gegründeten Produktionsfirma ein Melodram an den Start bringen wollen über – kein Scherz – einen Mann und seinen Hund im Vietnamkrieg. Grundlage für „Finding Jack“ ist ein kitschiger Roman, filmisch abgelutscht ist der Vietnamkrieg schon lange, preisverdächtig wirkt von alledem gar nichts. Also entscheiden sich die beiden, mit dem computergenerierten James Dean ihrem Vorhaben mehr Aufmerksamkeit zu verleihen, weil Deepfakes gerade der heiße Scheiß sind. Das erzählen sie exklusiv dem Hollywood Reporter, alle berichten, und morgen flutscht das Fundraising gleich viel besser.

Schließen wir das alles aus und gehen davon aus, dass dieser Film wirklich gedreht wird und wirklich ein „Ganzkörper“-computergenerierter James Dean darin vorkommt.

Klar, technisch möglich ist das längst. Neuronale Netzwerke, eine Form der künstlichen Intelligenz, können eingeschränkt kreative Aufgaben lösen und selbst erkennen, welche Arbeitsschritte dafür nötig sind. Stellt man gleich zwei solcher Netzwerke einander gegenüber, die sich gegenseitig sozusagen kritisch hinterfragen, dann können Ergebnisse täuschend echt werden. Ein Beispiel, bei dem das schon viel genutzt wird, ist Face-Swap. Eine beliebte App, mit der Nutzer*innen in Videos innerhalb von Sekunden Gesichter austauschen können.

Geht also alles, womit wir zu der Frage kommen: Braucht es das? Um eine Filmikone von vorgestern zum „Leben“ zu erwecken? Es ist erstaunlich, wie die Bildtechnik immer besser wird und die Filmideen gleichzeitig immer mehr von gestern sind.

Längst könnte Hollywood uns Welten zeigen, die unvorstellbar wären, ohne künstlich erzeugte Bilder. Könnte Fantasy entwerfen oder Sci-Fi oder Paralleluniversen, die „Avatar“ oder „The Shape of Water“ wirken lassen würden wie die Augsburger Puppenkiste. Stattdessen bekommen wir einen aufwändig rekonstruierten Star der 50er als Zombie im Rahmen einer patriotischen Haustier-Schnulze. Danke. Next please. Peter Weissenburger