BULGARIENS POLITIK VERSPIELT GERADE DIE ZUKUNFT DES LANDES

Eitelkeit regiert in Sofia

Dass die Regierungsbildung in Bulgarien schwierig werden würde, war bereits am Wahlabend klar. Doch was die politisch Verantwortlichen sich seit sechs Wochen in Sofia leisten, ist nur noch trauriges Theater. Persönliche Eitelkeiten sowie der Drang nach Macht und Posten haben offensichtlich die Verantwortung für die Geschicke des Landes in den Hintergrund gedrängt. Viel schwerer wiegt aber, dass das politische Establishment auf dem besten Weg ist, die Zukunft Bulgariens zu verspielen. Scheitert nämlich auch der nächste Versuch, ein im Parlament mehrheitsfähiges Kabinett zu zimmern, wären vorgezogene Neuwahlen unausweichlich.

Profitieren davon würden nicht die etablierten Parteien, denen die Wähler schon im Juni einen derben Denkzettel verpasst haben: 8 Prozent votierten für die nationalistische Partei Ataka von Wolen Siderow. Im Gegenteil. Angesichts des derzeitigen Gezerres dürfte das Protestpotenzial weiter wachsen und dem selbst ernannten Oberbulgaren und Vaterlandsverteidiger noch mehr Frustrierte und Politikverdrossene zutreiben. Der Verfall der demokratischen Kultur, der sich mit Siderows Ausfällen gegen Minderheiten bereits andeutet und allenfalls von ein paar Intellektuellen kritisiert wird, ist keine Empfehlung für Europa. Zumal innerhalb der Europäischen Union die Begeisterung für eine neue Erweiterung nach den gescheiterten Verfassungsreferenden sowieso auf null gesunken und der geplante Beitrittstermin Bulgariens am 1. Januar 2007 kaum noch zu halten ist. Denn der größte Brocken, eine umfassende Justizreform, steht dem Land noch bevor. Doch anstatt sich an die Arbeit zu machen, ergehen sich die Politiker in fruchtlosen Diskussionen und taktischen Spielchen. Das alles kostet Zeit, die Sofia nicht hat.

Derzeit versinken Teile Bulgariens in sintflutartigen Regenfällen, die bereits einige Menschen das Leben gekostet haben. Eine Wetterbesserung ist noch nicht in Sicht. Doch vielleicht fällt außer Wasser ja auch mal etwas Hirn vom Himmel.BARBARA OERTEL