berliner szenen

Pferd auf akutem Bauch

Gestern. Ein großes Berliner Krankenhaus. Rettungsstelle. Es ist Wochenende. Ich bin Ärztin. Das ist so etwas Ähnliches wie Arzt. Ich bin ein wenig angespannt, denn gleich kommt der Notarzt. Einsatzstichwort: Akuter Bauch.

Und schon sind sie da. Auf der Trage liegt ein junger Mann mit Bauchschmerzen, der noch dazu sehr viele Drogen genommen hat. Seine Pupillen sind winzig, er atmet flach und wirft sich schmerzgekrümmt hin und her. Kaum zu glauben, denn laut Notarztprotokoll hat er bereits den Tagesverbrauch an Betäubungsmitteln einer großen Intensivstation erhalten.

„Ich werde Sie jetzt untersuchen“, sage ich, ziehe das Hemd des Patienten nach oben und werde rot, denn auf seinem Bauch sind so viele Tattoos, dass ich gar nicht weiß, wohin ich mein Stethoskop setzen soll. Zwischen die Beine der Rothaarigen mit den 20-Kilogramm-Brüsten? Auf die riesigen Schamlippen einer Brünette im Dirndl? Oder auf den überdimen­sio­nalen Ständer, den der Patient mitten auf dem Bauch trägt?

„Vorsicht“, sagt der Notarzt, „ich habe meine erste Nadel schon aus Versehen ins Tattoo gelegt. Sieht wirklich echt aus.“

„Hmm“, sage ich und wähle den Löwen, auf dem eine nackte Blondine reitet. Ein dumpfes Grollen ertönt aus meinem Stethoskop. Versuchsweise wechsle ich zum Pferd, dem, wie ich bei näherer Betrachtung feststelle, auch der riesige Ständer gehört, und bin fast ein wenig erleichtert, als es nicht wiehert.

„Im Ultraschall sieht es aus, als hätten Sie eine Blinddarmentzündung“, sage ich schließlich und rufe die Chirurgen an. „Können Sie das Pferd retten?“, fragt der Mann. „Nein, aber vielleicht Sie“, sage ich und befördere ihn mit einer Elefantendosis Morphium in die Narkose.

Eva Mirasol