nordsyrien

130.000 Zivilisten fliehenvor der türkischen Armee

Knapp 800 inhaftierte IS-Kämpfer können laut kurdischen Quellen aus einem Lager entkommen.Die internationale Kritik an der Invasion wächst – auch Angela Merkel fordert ein Ende der Angriffe

Ein mit der Türkei verbündeter syrischer Kämpfer in der Grenzstadt Ras al-Ain Foto: Nazeer Al-Khatib/afp

Aus Istanbul Jürgen Gottschlich

Aller internationalen Kritik zum Trotz setzt die türkische Armee ihre Offensive in Nordsyrien seit nunmehr fünf Tagen unbeirrt fort. Die Kämpfe in der Region werden immer blutiger, und auch die Befürchtung, gefangene IS-Kämpfer könnten infolge der Auseinandersetzungen wieder freikommen, ist wohl in einem ersten Fall Realität geworden. Nach Angaben kurdischer Sprecher konnten rund 780 gefangene IS-Kämpfer aus einem Lager bei Ain Issa in der Nähe der umkämpften Stadt Tel Abjad fliehen.

Für Entsetzen sorgte am Sonntag der mutmaßliche Mord an der kurdischen Politikerin Havrin Khalaf, einer bekannten Frauenrechtlerin. Während die türkische Armee sagt, sie sei bei einem Bombenangriff getötet worden, äußern kurdische Sprecher, die Politikerin sei mit ihrem Auto in einen Hinterhalt von mit der Türkei verbündeten syrischen Hilfstruppen geraten und von ihnen „hingerichtet“ worden. Nach bislang unbestätigten Meldungen ist in der Nähe von Ras al-Ain ein ziviler Fahrzeugkonvoi von der türkischen Luftwaffe bombardiert worden. Auf einem Video in den sozialen Netzwerken sind etliche Tote zu erkennen. Darunter sollen auch französische und brasilianische Journalisten sein.

Die Kämpfe konzentrieren sich bislang auf einen Bereich zwischen der Stadt Ras al-Ain und der rund 120 Kilometer weiter westlich gelegenen Stadt Tal Abjad. Ras al-Ain war nach türkischen Angaben bereits besetzt, soll aber laut kurdischen Quellen am Sonntag zurückerobert worden sein. Tal Abjad wurde laut verschiedenen Quellen gestern von der türkischen Armee eingenommen.

US-Medien meldeten, dass sich nun auch die letzten US-Soldaten aus dem umkämpften Bereich in Nordsyrien zurückziehen würden, darunter auch aus der Stadt Kobane, bei deren Verteidigung 2014 das Bündnis zwischen Kurden und US-Truppen entstanden war. Am Samstag war es dort zu einem schwerwiegenden Zwischenfall gekommen, als türkische Truppen wohl versehentlich auf eine US-Patrouille schossen, aber niemanden verletzten. Trotzdem war die Empörung in Washington groß. Präsident Donald Trump drohte Erdoğan mit Sanktionen.

Frankreich hat ebenso einen teilweisen Stopp seiner Waffenexporte angekündigt

Nach offiziellen Angaben der türkischen Armee sind bislang rund 450 kurdische Kämpfer getötet worden; kurdische Sprecher geben die Zahl der getöteten YPG-Kämpfer dagegen mit 104 an. Demgegenüber stehen vier getötete türkische Soldaten und eine ungenannte Zahl syrischer Islamisten, die für die Türkei kämpfen. Allerdings sind durch Mörserbeschuss auf türkische Grenzstädte 18 Zivilisten getötet worden. Die Anzahl der getöteten und verletzten syrischen Zivilisten liegt wesentlich höher. Durch Bombenangriffe und Artilleriebeschuss sind nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mindestens 52 Zivilisten in Syrien getötet worden. Nach Angaben der UNO sind mittlerweile mehr als 130.000 Zivilisten vor den türkischen Invasionstruppen geflohen, meist in Richtung Süden in die Wüste hinein. Kurdische Behörden haben in Rakka, der ehemaligen Hauptstadt des IS, Auffanglager für Flüchtlinge aufgebaut.

Unterdessen wächst die internationale Kritik an dem Einsatz. Bundeskanzlerin Merkel telefonierte am Sonntagnachmittag mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan und forderte explizit einen Stopp des türkischen Angriffs auf Nordsyrien. Erdoğan reagierte darauf erbost und sagte, Deutschland solle sich entscheiden, ob es an der Seite seines Nato-Verbündeten Türkei oder an der Seite der Terroristen stehe. Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) hat ebenfalls am Sonntag angekündigt, dass Deutschland seine Waffenlieferungen an die Türkei erst einmal aussetzen will und auch keine neuen Rüstungsexporte mehr genehmigen würde. Frankreich, Norwegen Finnland und einige weitere Länder haben ebenfalls einen teilweisen Stopp ihrer Waffenexporte in die Türkei angekündigt.