Stadtgespräch
Simone Schlindwein aus Kampala

Afrika träumt von der Einheit des Kontinents – und erschrickt über die brutalen Bilder vom Kap

In der Zulu-Sprache Südafrikas bedeutet das Wort „Ubuntu“ übersetzt „Menschlichkeit“. Gemeint wird damit in Afrika jedoch meist die „Einheit“ der Afrikaner im Kampf gegen Kolonialismus, die Solidarität und der Glaube an die Möglichkeit, friedlich zusammenzuleben.

Das Wort war das Motto des diesjährigen Weltwirtschaftsforums, das vergangene Woche am Kap stattgefunden hat – just in jenen Tagen, als dort die Attacken gegen afrikanische Arbeitsmigranten ausbrachen.

Eigentlich wollten Afrikas Staatschefs die Umsetzung der Afrikanischen Freihandelszone besprechen sowie die Integration ihres Kontinents in den Welthandel. Doch dann reisten Vertreter aus Nigeria, DR Kongo oder Malawi erst gar nicht an – als Protest gegen die fremdenfeindlichen Übergriffe.

„Das sind nur Worte in einem Hotel – draußen sieht die Wirklichkeit ganz anders aus“, so ein Kommentar unter dem Ubuntu-Foto, das Ruandas Außenminister Olivier Nduhungirehe postete. Dem Kommentar folgte ein Video, das die Steinigung afrikanischer Migranten zeigt.

Überall wurde diese Woche diskutiert: in Bars, Wohnzimmern oder gar in der Sauna – das Thema ließ von Kairo bis Kapstadt kaum ein Gemüt kalt. Ein Grund ist auch der Kontext dieser Ereignisse: Gerade erst ist Simbabwes langjähriger Präsident Robert Mugabe gestorben. In afrikanischen Zeitungen wurden historische Abrisse über den Befreiungskampf abgedruckt, der Guerillakämpfer als panafrikanischer Held gefeiert. Stets wurde betont, wie Ubuntu dabei geholfen habe, die weiße Herrschaft zu beenden.

In derselben Woche sagte Ruanda zu, afrikanische Flücht­linge, die in Libyens unmenschlichen Lagern als Sklaven verschachert werden, aufzunehmen – ebenfalls ein Akt der panafrikanischen Solidarität. Die brutalen Bilder vom Kap passten da einfach nicht in das Bild, das derzeit von der Zukunft des afrikanischen Kontinents gezeichnet wird, auf welchem alle einen gemeinsamen afrikanischen Pass besitzen, Afrika-weit alle Visa und Arbeitserlaubnisse abgeschafft werden, ein gemeinsamer Arbeitsmarkt entstehen soll.

Südafrika gilt auf dem Kontinent als Vorbild: wirtschaftlich wegen seiner Industrialisierung und Einbindung in den Weltmarkt, politisch wegen der Überwindung der Apartheid. Für viele junge Afrikaner, die zu Hause keinen Job finden, ist Südafrika als Migrationsziel fast so attraktiv wie Europa. Afrikas Business-Elite verhandelt mit dortigen Banken über Kredite. Auf dem Kontinent sind Südafrikas Großkonzerne wie der Telekom-Riese MTN oder die Supermarkt-Kette Shopright Aushängeschilder des wirtschaftlichen Erfolgspotenzials des ganzen Kontinents.

Die Bilder der lynchenden Jugend am Kap sind da eine Mahnung: Sie beweisen, dass auch im afrikanischen Wunderland die Masse der Jugendlichen durch eine korrupte Elite vernachlässigt wird, dass trotz wirtschaftlichem Fortschritt die Armutsrate hoch bleibt. „Es ist ein wenig, als ob der afrikanische Traum platzt“, schlussfolgert ein junger Ugander. „Wie sollen wir uns gegen den Fremdenhass der Europäer und Amerikaner durchsetzen, wenn wir selbst uns das antun?“, fragt er.