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Angst vor dem Kontrollverlust

Nicht verboten, aber manchmal heikel: Liebe am Arbeitsplatz. In der deutschen Arbeitswelt ist auf emotionaler Ebene eine Menge los, und Beziehungen im Büro sind durch das Grundgesetz geschützt. Sich dauerhaft an Kolleg:innen zu binden, ist für viele aber kein Thema

Nicht nur Loriot, sondern Männer generell verlieben sich oft die Karriereleiter herunter Foto: ddp images

Von Ansgar Warner

Brian Krzanich hat’s erwischt, und das gleich zweimal. Erst verliebte sich der Vorstandsvorsitzende des US-Chipherstellers Intel in eine Mitarbeiterin, dann wurde er gefeuert. Denn mit seiner „internal affair“ hatte der Topmanager gegen eine Richtlinie des Multis verstoßen, die „Non-Fraternization Policy“.

Aus Angst vor der Unkontrollierbarkeit menschlicher Gefühle werde versucht, „Sexualität ganz oder zumindest in das Private zu verbannen“, meint Claudia Wagner, systemische Paarberaterin und Sexualtherapeutin aus Berlin. In der typischen Betriebsdenke gehe man meist noch vom Arbeitnehmer als asexuellem, neutralem Wesen aus: „Raum für Liebe und selbst normale zwischenmenschliche Beziehungen ist da nicht vorgesehen.“

Doch ist Liebe am Arbeitsplatz tatsächlich verboten? In Deutschland zum Glück nicht. Hier sind im Büro oder an der Werkbank entflammte Flirts, Affären und das daraus manchmal entstehende Partnerglück sogar durch das Grundgesetz geschützt: Unsere Verfassung garantiert die freie Entfaltung der Persönlichkeit, was Arbeitsgerichte in ihren Urteilen bestätigt haben. Etwa als das US-Unternehmen Walmart die typisch amerikanischen Keuschheitsregeln auch in deutschen Filialen einführen wollte.

Dementsprechend ist in der deutschen Arbeitswelt auf emotionaler Ebene eine Menge los – fast jeder und fast jede flirtet mit KollegInnen, in einer repräsentativen Forsa-Umfrage gaben 25 Prozent der Befragten an, sich schon einmal im Arbeitsumfeld verliebt zu haben. Jeder sechste hat sich schon aktiv in ein amouröses Abenteuer gestürzt, das zwischen Büroklammern, Gummibäumen und Bildschirmschonern begonnen hat.

Für die Unternehmen muss das nicht zum Nachteil sein, meint Claudia Wagner: „Liebesbeziehungen – ob am Arbeitsplatz oder nicht – stärken nachweislich das Immunsystem und die Lebenszufriedenheit, und können so zum Beispiel zur Senkung der Krankheitsquote im Unternehmen beitragen.“ Zudem könne die Verliebtheit auch zu mehr Lockerheit im Kollegenkreis und zu spontaneren Entscheidungen beitragen.

Geliebt wird vor allem in der horizontalen, auch was Hierarchien betrifft. Vorgesetzte trifft Amors Pfeil nämlich deutlich seltener. Wenn es doch passiert, sind aber typische Verhaltensweisen zu beobachten, die viel mit der patriarchalisch strukturierten Arbeitswelt zu tun haben: Männer verlieben sich vergleichsweise häufiger die Karriereleiter herunter in Mitarbeiterinnen oder Praktikantinnen, Frauen verlieben sich die Karriereleiter herauf.

Dabei wird es vorerst wohl auch bleiben, schätzt Claudia Wagner: „Macht macht sexy, doch solange der Anteil von Frauen auf den wichtigen Positionen nicht die für Minderheiten kritische Masse von circa dreißig Prozent erreicht, und Macht im Sinne von Entscheidungsgewalt geschlechtsneutraler wird, dürfte sich da wenig an den grundsätzlichen gesellschaftlichen Entscheidungsstrukturen, Normen und daran gekoppelten Verhaltensweisen ändern.“

Mehr als eine Affäre wird in vielen Fällen nicht aus dem Techtelmechtel der Lohnabhängigen, und das offenbar ganz bewusst: Eine feste Beziehung im Kollegenkreis ist für die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kein Thema, mit der interessanten Begründung: „Ich möchte Berufliches und Privates trennen.“ Hinter der Ablehnung längerer Beziehungen im Jobumfeld steht die Befürchtung, eine feste Beziehung könnte sich am Ende negativ auf die Karrierechancen und die Arbeitsplatzsicherheit auswirken.

Für Claudia Wagner ist das zwar verständlich, aber kein Grund, es nicht zu wagen: „Ist bekannt, dass man ein Paar ist, zeigt man eine sehr persönliche Seite von sich.“ Schwierig werde es vor allem dann, wenn gemeinsam wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen oder eigentlich gegenseitige Kontrollinstanzen darstellt. „Dann ist es zu Beginn der Beziehung sinnvoll, das Verhältnis zumindest dem Vorgesetzten gegenüber transparent zu machen, um sich später nicht dem Vorwurf der Mauschelei oder Vorteilsnahme ausgesetzt zu sehen.“ Klatsch und Tratsch lasse sich aber selbst im optimalen Fall nicht völlig verhindern. Da helfe am Ende nur ein dickes Fell oder das direkte Gespräch.

Völlig schnuppe kann dem Management das Liebesleben der Mitarbeitenden auch aus einem ganz praktischen Grund nicht sein: Schließlich sind sie an einer konstanten Arbeitsleistung interessiert. Wenn der Angestellte im Hormonrausch grobe Fehler macht oder das Leistungsziel nicht mehr erreicht, kann das völlig unabhängig von der Ursache zu einer Abmahnung führen. Eine typische Reaktion des Arbeitgebers auf verliebte Mitarbeiter kann aber auch darin bestehen, einen der Beteiligten vorsorglich in eine andere Abteilung zu versetzen. Bei größeren Unternehmen gibt es dafür sogar feste Regeln.

Doch gäbe es nicht auch Gründe, das Feuer der Leidenschaft aktiv zu schüren? Schließlich machen inzwischen selbst Magazine wie die Wirtschaftswoche gerne mal die „Work-and-Love-Balance“ zum Titelthema. Wenn aber die These stimmt, dass Erfolg sexy macht, und guter Sex wiederum erfolgreich, dann sollte sich doch endlich jemand ernsthaft an die Arbeit machen.