taz🐾thema

kulturrausch

die verlagsseiten der taz

Keine 50 Euro pro Auftritt

Laut der Jazzstudie der Universität Hildesheim liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von professionellen Jazzmusikern bei lediglich 12.500 Euro

„Die Clubs in der ganzen Welt kämpfen ums Überleben. Bei uns läuft alles ehrenamtlich, nur so können wir existieren“, erzählt Uwe Thedsen vom Jazzclub Hannover. Der traditionsreiche Jazzkeller ist wegen der eigenwilligen Wandfarbe selbst bei US-Jazzgrößen nur als „The Orange Club“ bekannt und wegen seiner besonderen Atmosphäre beliebt.

Was Rang und Namen hat, ist in den engen Räumlichkeiten schon mal aufgetreten, in denen die maximal 190 Zuhörer fast auf der Bühne stehen und zum Beispiel dem finnischen Pianisten Iiro Rantala genau auf die Finger schauen können. „Mein Wohnzimmer ist größer“, zitiert Thedsen den Stargitarristen Al Di Meola bei einem seiner Gastspiele in Hannover.

„Solche Spitzenmusiker können wir uns nur durch Sponsoren leisten“, sagt Thedsen und fügt hinzu: „Das Publikum kommt auch bei unbekannten Gruppen, die Hälfte unserer Konzerte ist ausverkauft. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, hier dem Nachwuchs eine Chance zu geben.“ Nicht zuletzt um die zahlreichen Berufsmusiker zu unterstützen, deren Einkommen unter dem Existenzminimum liegt. Thedsen spielt auf die von der Uni Hildesheim durchgeführte Jazzstudie an, für die die Antworten von 2.000 der rund 4.600 in Deutschland lebenden Jazzmusiker zu ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgewertet wurden.

90 Prozent von ihnen haben studiert. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei 12.500 Euro. In Berlin und Köln, wo die meisten Jazzmusiker in Deutschland leben und wo es die meisten der bundesweit rund 700 Jazzspielstätten gibt, bekommen 43 Prozent der Befragten pro Auftritt keine 50 Euro. Nicht selten sind sie froh, zu diesen Konditionen überhaupt spielen zu dürfen – gerade für junge Musiker hat ein Konzert vor Publikum höchste Priorität. Ein 40-jähriger Bassist auf die Frage, nach welchen Kriterien er sich für ein Angebot entscheidet: „Ob die Gage gut ist, ob die Musik spannend ist und wie die Menschen sind, mit denen man zusammen spielt.“

Mittlerweile gibt es den vom Bund finanzierten Spielstättenpreis „Applaus“, der 2018 an 99 Clubbetreiber verliehen wurde. Der Jazzclub Hannover bekam für sein tolles Programm in der Kategorie 2 – Spielstätten mit mindestens 52 Konzerten im Jahr – 20.000 Euro. „Das ist für uns ein wichtiges Zeichen der Anerkennung. Das Geld haben wir gleich in bessere Technik investiert“, sagt Thedsen.

In die immer mal wieder zu hörende Klage, dass Jazz etwas für alte Männer sei, mag er nicht einstimmen. „Das hängt immer vom Stil ab. Bei Latin Jazz kommen viele Frauen, auch bei Blueskonzerten ist das Publikum sehr gemischt. Beim Auftritt der niederländischen Gruppe Jungle by Night mit ihrem afrikanisch beeinflussten Jazz und Funk ist man mit 30 Jahren schon alt gewesen.“ (jg)

Applaus-Preisträger: initiative-musik.de/applaus2018.html