zwischen den rillen

Deutsch als Fremdsprache

Levin Goes Lightly: „Nackt“ (Tapete/Indigo)

„Besser als die ganze Zeit David Bowie!“, freut sich Levin Stadler, früher Einzelkämpfer unter dem Namen ­Levin Goes Lightly und heute Hauptakteur einer Band, die noch immer so heißt. Bowie – der Vergleich verfolgt den Stuttgarter seit seinem ersten Auftritt 2013; der Albumtitel „Neo Romantic“ 2015 und ein Glam-inspiriertes Alter Ego haben sicher das Ihre dazu beigetragen.

Diesmal aber: DAF und F.S.K. liegen als Vergleich nahe! Freiwillige Selbstkontrolle, die in den frühen 80ern entstandene Avant-New-Wave-Band um Michaela Melián und Thomas Meinecke, klingt zwar ganz anders, man rollt das R aber ähnlich wie der gebürtige Bayer Stadler. Und vor allem: Beide Acts setzen ein unreines Deutsch als eine Popsprache ein, die sich darüber bewusst ist, dass sie nicht Englisch ist. Die Muttersprache als Fremdsprache, quasi.

Für Stadler ist das auf dem neuen Album, „Nackt“, eine Premiere, bislang hat er seine verrauschten New-Wave-Popsongs auf Englisch gesungen. „Wir fahren gegen die Berge, zusammen“ singt er nun im Stück „Alles in Blau“. Die ursprüngliche Idee zum Sprachwechsel stammte ausgerechnet von einem Berliner US-Amerikaner, Anton Newcombe vom Brian Jonestown Massacre, der Stadler schon vor Jahren zum Experiment riet. Bei den Proben für das neue Album passierte es dann einfach: „Wir sind nicht weitergekommen. Es wiederholte sich alles. Es war schon cool, aber wir hatten kein Gefühl von: Wir machen was Neues.“ Ein erster Versuch mit einem auf Deutsch getexteten älteren Song brachte der Gruppe die Energie zurück. „Da war ein Gefühl wie am Anfang. Es war krass. Und ein bisschen Schämen. Kann ich so singen? Ist das Schlager? Will ich da hin?“

Levin Stadler ist zwar Levin Goes Lightly, aber die Musik entsteht mittlerweile in einer Bandformation: Thomas Zehnle ist etwa dabei, viel im Einsatz in der Kunstszene am Stuttgarter Nordbahnhof, die vor wenigen Jahren mit Bands wie Die Nerven, All diese Gewalt oder Zehnles Wolf Mountains der Schwabenmetropole für 15 Minuten einen schmutzigen Grunge-Glamour verschaffte. Mittlerweile sind die meisten Protagonist*innen dann doch in Berlin gelandet. Stadler und Zehnle sind geblieben, ziehen zum Spielen aber in die elsässische Provinz: Ein Haus im Nirgendwo, offener Kamin, Keller mit Soundanlage. „Es gibt da Stroboskop und blaues Licht!“, lacht Stadler.

Beste Dorfdiskoatmosphäre. Auf den Sound hat es nicht abgefärbt, der bleibt urban. Und blaues Neon leuchtete schon immer über den melodischen Shoegaze-Hymnen. Mit der Prä-NDW-Post-Punk-Assoziation, die nun mit seiner Musik verknüpft wird, ist Stadler zufrieden, wirklich begeistert klingt er nicht. „Wohin ich es eher packen würde, wäre Falco. Allerdings war der doch einfach nur ein Arsch, oder? Ziemlich cool, aber die Person, die er gespielt hat, war einfach ein Unsympath. Sein Ding war doch: Wenn du nett bist, interessiert es keinen. Krude Ansicht.“ Levin Stadler, unter diesem Namen als Kommunikationsdesigner erfolgreich, legt seine Figur wesentlich weicher an, zumindest, androgyn, fast genderfluid. Pop-Rollen in Deutschland, das ist klar, sind noch immer so beschränkt, dass viel Platz zum Spielen bleibt.

Die Popsprache Deutsch, führt er aus, „hat ja auch was Divenhaftes. Und das ist etwas Erstrebenswertes. Meine Musik soll Hildegard Knef sein, aber nicht Post-Punk. Das gibt es genug.“ Ist das Teil einer Entwicklung, eines Reifeprozesses? „Ich komme definitiv nicht vom Punk“, sagt Stadler: „Ich komme von der Diva.“ Ein Satz, den sicher auch David Bowie unterschrieben hätte.

Steffen Greiner