Ticker vom Kirchentag

Ein weißer Mann mit Bart, Mats Hummels, Hitzeschlacht und hässliche Shirts

Sonne

Immerhin gibt es überall Wasserspender beim Eröffnungsgottesdienst am Ostentor. Die Sonne brennt unerhört, wir kommen etwas zu spät, das vorerst letzte Lied wird angestimmt. Dann kommt der Bundespräsident, thematisiert den mutmaßlich rechtsextrem motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, fordert Aufklärung. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) verdammt später den „Turbokapitalismus“, verteidigt den AfD-Ausschluss vom Kirchentag und sagt zudem: „Nie wieder dürfen wir so wegschauen, wie wir das in den letzten Jahrzehnten beim Rechtsterrorismus gemacht haben.“ Erstaunliche, beinahe linke Worte, die mit massenhaftem Applaus aus schwitzigen Händen belohnt werden. +++

+++ Ein alter Mann mit langem weißem Haar, hellblauem Umhang und einem Schild mit dem Wort „Yahuah“ in der Hand steht am Mittwochabend in der Fußgängerzone und wird von interessierten Kirchentagsbesuchern umringt. Das Wort „Hallelujah“ ist ihm wichtig, es erschließe quasi alles; vor allem aber müsse das Bilderverbot befolgt werden. Man dürfe kein Holzstück anbeten. Trotz des Bilderverbots machen wir ein Selfie mit ihm, und warum er dann selber so aussieht, wie man sich Gott immer vorstellt, beantwortet er mit seiner Zugehörigkeit zu einer speziellen Glaubensgruppe, deren Name im Orkus der Kirchentagsimpressionen verlorengeht. Wer auf die Webseite www.die10gebote.net geht, die auf den von ihm ausgegebenen Zetteln steht, erfährt, dass der Mann Gustav Eggerking heißt, vor seiner Erleuchtung als Heiratsschwindler, verurteilter Betrüger, Gemüsehändler und Zauberer arbeitete und für die NPD kandidierte. Er habe sich seit mehr als zehn Jahren schon sein „Haupthaar“ nicht geschnitten, erzählt er noch. Was untenrum los ist, lässt sich nur erahnen. +++

Haupthaar

+++ Kirchentag bedeutet auch: viele Menschen, die überfordert sind von einer Großstadt. „Bleibt bitte alle zusammen“, ruft ein Mann mit Brille noch im RE 6 einer Gruppe Jugendlicher zu. Direkt nach Ausstieg bleiben natürlich alle stehen, um sich zu orientieren, kein Durchkommen für andere Reisende: „Dat ist ja ne ganz schlaue Idee“ raunzt ein Dortmunder die Gruppe an. In der U-Bahn wird vorsorglich nicht bis hinten durchgegangen, aus Panik, die Tür bei der gewünschten Haltestelle nicht rechtzeitig zu erreichen. „Nee, nee, Helga, wir fahren ja nur sechs Stationen!“ Zur Sicherheit wird die Frage nach der richtigen Bahn nicht nur zwei genervten Dortmundern gestellt, sondern mit überschwänglichem Dank auch mindestens noch zwei Sicherheitsbeamten und den netten Herren der Bundespolizei. Diese versuchen mit Megafon, die Masse aus dem Bahnhof zu bekommen. Draußen angekommen geben viele dann auf und laufen einfach. Kirchentag heißt eben auch Spontanität. +++

+++ Nicht nur die AfD muss draußen bleiben: Eigentlich hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung einen Workshop mit dem Titel „Imperien des Mammons oder Wege der Gerechtigkeit“ geplant. Auf dem Podium sollten zwei Personen mitdiskutieren, die sich der BDS-Bewegung zugehörig fühlen. Die antiisraelische Boykott-Bewegung grenze sich nicht klar von Antisemitismus ab oder vertrete ihn gar selbst, teilte der Kirchentag mit. Daher habe man die Stiftung aufgefordert, die Referent*innen auszuladen. „Wir haben eine klare Haltung“, hieß es in einer Erklärung. Die Veranstaltung wurde abgesagt. +++

Helga

+++ Wenn Jugendliche mal nicht Ramones- oder Che-T-Shirts tragen, sondern welche von der Evangelischen Jugend Vegesack, meistens in schrecklichen Freizeitcampblau, dann ist das schon wegen der dargebotenen Abwechslung zu begrüßen. Merkwürdiger muten dieselben Shirts an, wenn man sie an kahlgebräunten Fünfzigjährigen sieht, wohl ihre Betreuer. Aber auch sie hat Gott lieb. +++

Schwarz-Gelb

+++ Was es nur in der Fußballhauptstadt gibt: Viele Besucher*innen tragen weder Diakonie-Lila noch Pfadfinder- oder Rentner-Beige, sondern schlicht – schwarz-gelb. Und einer hat es tatsächlich wieder ausgegraben, sein BVB-Trikot mit der Nummer 15 und Mats Hummels hintendrauf. Die Kommentare zu dessen Rückkehr nach Dortmund schwanken in der Stadt zwischen „Um Gottes willen“ und „Gott sei Dank!“.