Franziska Seyboldt
Psycho

Ich habe eine neue Krankheit entdeckt: Mittagsschlafstörung

Foto: privat

Liebe Medizinerinnen und Mediziner, ihr müsst jetzt ganz stark sein: Ich habe eine neue Krankheit entdeckt. Zuerst dachte ich, ich sei einfach dumm geworden. Kann ja passieren bei der Hitze, ist sogar bewiesen. Aber dass ich seit einiger Zeit nicht mehr geradeaus denken kann, sondern meine Gedanken sich in Serpentinen einen Berg hinaufschlängeln, einen Abhang hinunterstürzen und in die entgegengesetzte Richtung weiterfahren, hat einen anderen Grund.

Klar geworden ist mir das erst, als ich mein näheres Umfeld einmal genauer betrachtet habe. Erstaunlicherweise bin ich nämlich umgeben von lauter Menschen, die immer und überall schlafen können. Ein schneller Powernap vor dem nächsten Termin? Kein Problem! Wegdösen, bevor das Flugzeug auf die Startbahn rollt? Leises Schnarchen von der Seite. Zwei Stunden geschrieben und die Konzentration lässt nach? Mal eben hinlegen!

Danach haben diese Menschen rosige Wangen, schnipsen sich den Schlaf aus dem Augenwinkel und verfolgen voller Energie ihre Ziele. Ich hingegen peitsche mich durch den Tag, von Kaffee zu Kaffee. Sitze müde da und starre auf die Wolken, bis meine Augen anfangen zu tränen. Lese jede Zeile dreimal und weiß im Anschluss immer noch nicht, was dort stand. Dabei schlafe ich nachts erstens gut und zweitens lang genug, was mir erst gestern ein Podcast zu Schlafstörungen bestätigte. Nur tagsüber klappt es eben nicht. Deshalb nenne ich die Krankheit: Mittagsschlafstörung.

Sie hat aus Stigmatisierungsgründen einen eigenen Namen verdient, was übrigens auch genau der Grund ist, warum ich es nicht kann. Denn während Schlafen nachts nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist, gelten Menschen, die sich tagsüber hinlegen, gemeinhin als faul, alt oder sehr jung.

Meine Freundin Y. ist keins von alledem, sondern sehr erfolgreich. Und sie schläft einfach immer, wenn sie müde ist, meistens mehrmals am Tag. Dafür hat sie extra ein Bett im Büro. Schlafen ist Arbeitszeit, sagt sie, und dass sie das nicht nur vehement verteidigt, sondern auch ihren Studierenden eintrichtert. Sie hat sogar einen eigenen Begriff dafür erfunden: Dinge wegschlafen.

Ich finde dieses Konzept dermaßen geil, dass ich angesichts meiner Mittagsschlafstörung vor Neid noch blasser werde, als ich schon bin. Was man so alles wegschlafen könnte, wenn man es denn könnte! Probleme wegschlafen, Schreibblockaden wegschlafen, Liebeskummer wegschlafen, schlechte Laune wegschlafen, Nazis wegschlafen, Geldsorgen wegschlafen, Depressionen wegschlafen – die Liste ist endlos, aber dafür reicht der Platz hier nicht aus.

Die Fünftage­vorschau

Do., 4. 7.

Jürn Kruse

Nach Geburt

Fr., 5. 7.

Michelle Demishevich

Lost in Trans*lation

Mo., 8. 7.

Kefah Ali Deeb

Nachbarn

Di., 9. 7.

Sonja Vogel

German Angst (auf taz.de)

Mi., 10. 7.

Michael Brake

Nullen und Einsen

kolumne@taz.de

Mein Plan für diesen Sommer ist deshalb, mich so oft wie möglich mittags hinzulegen und schlafen zu üben. Und falls das mit dem Schäfchenzählen mal wieder nicht klappen sollte, vervollständige ich einfach die oben genannte Liste.

Guten Mittag!