heute in hamburg

„Ökologie war nie nur links“

Buchpremiere „Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“ mit Andrea Röpke und Andreas Speit: 19 Uhr, Ledigenheim, Rehhoffstraße 1-3, Eintritt frei

Interview Katharina Gebauer

taz: Herr Speit, wie etablieren sich extreme Rechte auf dem Land? Man erkennt doch völkische Strukturen.

Andreas Speit: Es handelt sich bei den Neuansiedlungen tatsächlich oft um junge Familien. Diese entpuppen sich überraschenderweise nicht als linke Ökos, sondern eben als völkische Rechte.

Woran liegt diese Fehleinschätzung?

Das hat viel damit zu tun, dass man Ökologie mit linken und emanzipatorischen Konzepten verbindet, aber das war sie nie allein. Umwelt- und Tierschutz war immer auch mit rechts verbunden, die rechte Ökologie hat ihre eigene Geschichte: Die völkische Bewegung war ab 1871 eine umweltkritische Bewegung mit dem Motto „Naturschutz. Tierschutz. Heimatschutz. Volksschutz.“ Dieses Merkmal lässt sich eben auch in den rechten Gruppen und Initiativen auf dem Land wiederfinden.

Wie besorgniserregend ist die derzeitige Situation?

In den vergangenen Jahren konnten wir erleben, dass sich Rechte ganz gezielt in verschiedene Regionen der Bundesrepublik angesiedelt haben. Zum einen, um ihre Ideologie im Alltag zu leben, ihr Brauchtum zu pflegen und ihre Kinder im rechten Kreis zu erziehen. Zum anderen gibt es Ansiedlungen, die gezielt die Idee verfolgen, das Land auch geistig einzunehmen. Da drängen sie in Vereine oder treten bei Kommunalwahlen an. Ein weiteres Phänomen ist eine stärkere Hinwendung von Rechten zu ökologischen Projekten.

Ist der Kampf gegen die „Überfremdung“ auf dem Land denn überhaupt präsent?

Foto: taz

Andreas Speit, 53, ist Rechtsextremismusexperte und Autor. In der taz nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“.

Das ist auch ein altes Phänomen im rechten Spektrum: Angst vor dem Fremden, dem man gar nicht begegnet. Genau dort, wo es gar keine Berührungspunkte mit dem Fremden gibt, ist die Angst besonders groß. Es reicht schon allein der Gedanke an das Unbekannte, obwohl in der alltäglichen Realität kein Bezug existiert. Studien belegen indes, je mehr Austausch existiert, desto weltoffener wird man.

Wie gefährlich ist die derzeitige Entwicklung und welche Relevanz hat sie?

Rechte Strukturen sind dort stark, wo mehrere Faktoren zusammenspielen: Die Verdrängung zivilgesellschaftlicher Positionen und gleichzeitig eine Akzeptanz von rechten Ressentiments. Wir erleben bereits, dass dort, wo Rechte Wahlerfolge erzielen, zivilgesellschaftliche Projekte unter Druck geraten, sei es durch kritische Anfragen oder die Frage nach finanziellen Mitteln. Davor sollte man nicht die Augen verschließen.