heute in hamburg

„Es ist an der Zeit, alles offenzulegen“

„Ein Jahr nach dem Urteil: der NSU-Komplex aktuell“: 19.30 Uhr, Viertelzimmer im Münzviertel, Rosenallee 11

Interview Marthe Ruddat

taz: Frau Keller, warum ist der NSU-Komplex nicht aufgeklärt?

Caro Keller: Was wir wissen, ist, dass Informationen nicht herausgegeben und insbesondere von den Verfassungsschutzämtern gemauert wurden. Auch daran, dass sich die Bundesanwaltschaft im NSU-Prozess darauf festgelegt hat, dass der NSU drei isolierte Menschen waren, sind weitere Ermittlungen gescheitert. Viele Fragen sind offen.

Zum Beispiel?

Die Familien wissen immer noch nicht, wie ihr Vater, ihr Bruder, ihr Ehemann ausgewählt wurde oder wer da welche Tipps gegeben hat. Wir gehen davon aus, dass es vor Ort immer ein Neonazi-Netzwerk gab.

Die NSU-Akten, die für 120 Jahre unter Verschluss gehalten werden sollen, könnten zur Aufklärung beitragen.

Diese Akten müssen unbedingt freigegeben werden. Wir haben das bereits zu Ende des NSU-Prozesses gesagt: Diese Nicht-Aufklärung ermutigt Neonazis, weiter rechten Terror zu begehen. Darin werden wir gerade in trauriger Weise bestätigt.

Sie meinen den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU).

Genau. In den NSU-Akten vermuten wir Hinweise auf das Neonazi-Netzwerk in Kassel. Das könnte das Netzwerk sein, das auch für diesen Mord verantwortlich ist. Es ist spätestens jetzt an der Zeit, alles offenzulegen.

Steigt jetzt der Druck auf die Politik, die Akten freizugeben?

Wir hoffen es. Wenn dieser Staat seine Bevölkerung vor Neonazi-Morden schützen möchte, dann muss das jetzt sein.

Auch in Hamburg gibt es noch Aufklärungsbedarf, hier wurde Süleyman Taşköprü ermordet.

Foto: NSU-Watch

Caro Keller, 34, ist seit 2013 Teil des antifaschistischen Bündnisses NSU-Watch und ist dort Redakteurin.

Es gab in allen Tatort-Ländern außer Hamburg Bemühungen um Aufklärung. Es wird immer gesagt, man hätte alles versucht, aber das stimmt nicht. Die Aufklärung wird einfach verweigert.

Ist es jetzt schon zu spät?

Nein. Mecklenburg-Vorpommern hat erst vor Kurzem einen Untersuchungsausschuss eingerichtet. Der kann mit dem Wissen, das schon da ist, noch besser Aufklärung betreiben. Es könnte für Hamburg also sogar Vorteile haben, einen späten Untersuchungsausschuss einzusetzen.

Welche Rolle spielt die Gesellschaft bei der Aufklärung?

Eine nicht zu unterschätzende. Immer wenn in der Vergangenheit der mediale und gesellschaftliche Druck groß war, sind neue Dinge herausgekommen. Jeder und jede muss deshalb mit den eigenen Mitteln Druck machen.