heute in hamburg

„Antisemitismus und Rassismen unterscheiden“

Podiumsdiskussion: „Historische Verflechtungen: Rassismen und Antisemitismus im (nach-)kolonialen und nationalsozialistischen Deutschland“, Nernstweg 32–34, 18 Uhr, Eintritt frei

Interview Julika Kott

taz: Frau Lewerenz, sind Rassist*innen auch Antisemit*innen?

Susann Lewerenz: Nicht zwingend. Aber oft stehen verschiedene Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in einem engen Zusammenhang.

Warum ist es überhaupt ein Problem, wenn bei Antisemitismus von Rassismus gesprochen wird?

Ich finde es sinnvoll, zwischen Antisemitismus und Rassismus beziehungsweise Rassismen zu unterscheiden, auch wenn es durchaus Gemeinsamkeiten gibt. Insbesondere wenn es um biologistische Formen, also zum Beispiel um den Rassenantisemitismus der Nationalsozialisten geht. Gleichwohl ist die Art und Weise, wie diese verschiedenen Ideologien ausgestaltet sind und worauf sie abzielen, durchaus sehr unterschiedlich. Es ist wichtig, dies zu benennen.

Inwiefern?

Antisemitismus ist die Vorstellung, dass es durch Jüdinnen und Juden verkörperte Kräfte gibt, die für die „Übel“ der modernen Gesellschaft verantwortlich sind. Konkrete Personen und sehr abstrakte gesellschaftliche Phänomene werden hier verknüpft. Rassismen funktionieren auf einer anderen Ebene: Rassisierte Menschen werden in der Regel als eine konkrete Bedrohung „von außen“ wahrgenommen. Rassismen und Antisemitismus sind oft so verflochten, dass hinter den als Bedrohung imaginierten „Anderen“ ein „Plan“ vermutet wird, womit wiederum antisemitische Vorstellungen aufgerufen werden.

Und historisch betrachtet?

Foto: privat

Susann Lewerenz, Jahrgang 1974. Die Historikerin arbeitet im Studien­zentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Sie forscht zu Migration und Rassismus gegen People of Color.

In der NS-Kolonialpropaganda wurde zum Beispiel argumentiert, dass britische und französische Kolonialpraktiken die „natürliche Rassenordnung“ unterlaufen würden – und hierfür wurden wiederum „die Juden“ als die Verantwortlichen ausgemacht.

Sind das nicht Themen, die heute längst verarbeitet sind?

Nein, wir stellen gerade fest, dass rassistische Diskurse in der Gegenwart wieder zunehmend enttabuisiert werden. Allerdings wird nicht ausreichend wahrgenommen, dass sich aufgrund antisemitischer und rassistischer Aussagen das gesamte Diskursfeld verschiebt. Eine Auseinandersetzung mit historischen Phänomenen von Rassismen und Antisemitismus auch über einen größeren Zeitraum hinweg kann hilfreich sein, um den Blick zu schärfen für heutige Ausprägungen – ohne eine Kontinuitätslinie ziehen zu wollen.