Susanne Memarnia lässt sich über „Verlorene Spielorte“ im Umfeld des taz-Hauses aufklären

Niemand kann sich in Luft auflösen

Drückende Hitze liegt auf den Mehringplatz. Am späten Mittwochnachmittag wagen sich ein paar Erwachsene aus dem Schatten eines Betonklotzes und hängen am Bauzaun neben dem U-Bahn-Eingang Transparente auf. Die MitarbeiterInnen der beiden Trägervereine für offene Jugendarbeit Outreach und Work Out wollen auf „Verschwundene Spielorte“ im Kiez aufmerksam machen und mit AnwohnerInnen überlegen, was man dagegen tun kann. Einer hängt sich ein Plakat um: „Sollen sich Kinder und Jugendliche in Luft auflösen?“ steht darauf.

Die Frage müsste die BewohnerInnen der früheren Sozialbauten aufhorchen lassen, schließlich ist die Südliche Friedrichstadt die kinder- und jugendreichste Region in Friedrichshain-Kreuzberg. Nur wenige aber schließen sich dem Rundgang an.

Zunächst erklärt Günther Orlopp die Fakten. Der Sozialarbeiter im Ruhestand arbeitet im Kiez seit 1989, inzwischen ehrenamtlich beim Verein Work Out. „Über 20 Plätze, an denen Kinder und Jugendliche sich aufhalten, sind hier seit dem Mauerfall verschwunden.“ Die Liste umfasst Spielplätze, die ehemals größte Hall of Fame Deutschlands für Sprayer, Jugendzentren, Sportplätze, einen Kinderbauernhof, Brachen: All diese Orte, die umso wichtiger seien, als die Kinder und Jugendlichen „oft in beengten Wohnverhältnissen leben“, wie Orlopp erklärt, mussten seit dem Mauerfall Neubauten weichen, wurden geschlossen, abgerissen, umzäunt.

Zuerst stoppt der kleine Protestzug vor der Friedrichstraße 4, wo es bis 2014 eine Jugendkunstgalerie und einen Gemeinschaftsraum gab – „für Tanz und anderes, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“, erklärt Mizza Caric, Künstlerin und Honorarkraft bei Work Out. Die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag habe die kostenlose Nutzung für soziale Zwecke beendet, „angeblich wegen Asbestverseuchung, aber ich denke mal, die wollen das kommer­ziell nutzen“, sagt Orlopp. „Jetzt kommt da ein Ärztehaus rein.“

Die Geschichten ähneln sich von Station zu Station: Baumaßnahmen (für besser Betuchte) und Mietsteigerungen, Kommerzialisierung und Vernichtung von öffentlichen Orten verdrängen Kinder und Jugendliche. Wohin? „Gute Frage“, sagt Orlopp. Viele „seiner“ Jugendlichen hingen nun vermehrt in Shisha-Bars ab, in Spielhallen, dunklen Ecken.

Und die taz, die in der Friedrichstraße 21 gebaut hat, was hat die verdrängt? „Hier war eine schöne Brache mit Ahornbäumen“, erzählt Caric, viele AnwohnerInnen hätten dort gerne gesessen. Mit schlechtem Gewissen macht sich die Autorin vom Acker. Kurz darauf beginnt auch das Gewitter.