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„Wir setzen auf Schwarmintelligenz“

Auch Berlins Kreative wollen die Zukunft der Volksbühne mitgestalten. Eine von ihnen ist Sarah Waterfeld vom Künstler*innen-Kollektiv Staub zu Glitzer

Sarah Waterfeld

Foto: David Baltzer/Agentur Zenit

ist Romanautorin und Literaturwissenschaftlerin. Seit März 2017 ist sie Mitglied im Künstler*innenkollektiv Staub zu Glitzer. Informationen zum Volksbühnengipfel am 6. Juli unter www.staubzuglitzer.de

Interview Anselm Lenz

taz: Frau Waterfeld, der Berliner Senat hat bekannt gegeben, dass René Pollesch der neue Intendant der Volksbühne sein wird. Sind Sie als Mitglied des Künst­ler*innenkollektivs Staub zu Glitzer damit einverstanden?

Sarah Waterfeld: Seit 2017 setzen wir uns für eine grundlegende Umstrukturierung des Hauses ein. Wir haben einen partizipativen Konzeptfindungsprozess eingefordert und nach der polizeilichen Räumung der Volksbühne einen Verfahrensvorschlag verschriftlicht, der dem Kultursenat vorgelegt wurde. In diesem Sinne veranstalten wir auch einen Alternativen Volksbühnengipfel, bei dem möglichst viele Menschen zu Wort kommen sollen.

Was erhoffen Sie sich konkret von der neuen Intendanz?

Unser Kollektiv setzt sich für Dehierarchisierungsprozesse und kollektive Strukturen ein. Wenn ich Polleschs Arbeit der vergangenen 20 Jahre richtig verstanden habe, sind ihm solche Forderungen nicht ganz fremd. Wir haben im Mai 2018 sofort das Gespräch mit dem Interimsintendanten Klaus Dörr gesucht. Auch jetzt setzen wir zunächst auf Gespräche.

Die 25-jährige Intendanz unter Frank Castorf, bei der Réné Pollesch zur intellektuellen Galionsfigur des Regietheaters avancierte, war in jeder Hinsicht erfolgreich, hatte aber nicht nur Freund*innen. Wie wollen Sie mit Kritiker*innen fertigwerden?

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht in einer sehr spezifischen künstlerischen, aber auch politischen Tradition, an die wir anknüpfen. Dieses Theater wurde nicht einfach von Arbeiter*innen und ihren Groschen finanziert. Es handelte sich um eine emanzipierte, politisierte und organisierte Ar­bei­ter*innenschaft, die ein Theater einforderte. Wir müssen uns in diesen politisch beunruhigenden Zeiten die Frage stellen, welche Art von Theater diese Stadt braucht. Es gibt genügend andere Theaterhäuser in der Stadt für Theaterfans aller Art. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz trägt ihren Anspruch bereits im Namen.

Die neueste Entwicklung muss nun als großer Erfolg des zivilgesellschaftlichen Engagements, auch Ihres eigenen, in Berlin gelten. Wie wollen Sie die unterschiedlichen linken Milieus künstlerisch unter einen Hut bringen?

Wir haben in der Vergangenheit ausschließlich mit Menschen zusammengearbeitet, die sich links von der Sozialdemokratie ansiedeln, und im Austausch Prämissen entwickelt, mit denen sich möglichst viele Mitstreiter*innen anfreunden können. Über Details muss man diskutieren. Dafür existiert unser umfänglicher Verfahrensvorschlag, der u. a. bei nachtkritik.de [Theaterfeuilleton im Netz; Anm. d. Red.] veröffentlicht wurde. Den betrachten wir als Diskussionsgrundlage.

Auf der Pressekonferenz am Mittwoch gab sich der designierte Intendant René Pollesch ausdrücklich offen für eine Zusammenarbeit der Volksbühne mit der linken Berliner Kulturproduzent*innenszene. Was meinen Sie, wie sollen diese Akteur*innen alle bezahlt werden?

Ich kann nur sagen, dass unser Kollektiv seit über zwei Jahren unentlohnt arbeitet, so wie es viele andere Kunstschaffende auch tun. In Gehaltsfragen sind wir also nicht als Expert*innen zu betrachten. Das ist zum Glück auch nicht unsere Aufgabe. Wir glauben auch nicht, auf alle ­Fragen eine Antwort zu haben. Wir setzen da eher auf ­Schwarm­intelligenz. In Berlin gibt es so viele tolle, engagierte Menschen mit einem reichen Erfahrungsschatz. Unser Ruf nach kollektivem Arbeiten ist Pragmatismus. Am Ende hoffen wir auf das bestmögliche und progressivste Ergebnis, das von möglichst vielen Menschen ­getragen und verantwortet wird.