die woche in berlin

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Bei der Europawahl legen die Grünen auch in Berlin mächtig zu, während sich die Koalition auf das solidarische Grundeinkommen und damit ein Lieblingsprojekt des Regierenden Michael Müller geeinigt hat, wird die Zahl der Geflüchteten bekannt gegeben, die es in Arbeit geschafft haben – sie ist mächtig gestiegen. Und das ist auch bei Union Berlin der Fall: Der Verein ist in die Fußballbundesliga aufgestiegen

Kaum mehr rote Flecken in der Stadt

Die Europawahl markiert ein Dilemma der Linkspartei

Der Mai macht in diesem Jahr nicht nur die Bäume grün, sondern fast die ganze Stadt, zumindest auf den Ergebnisgrafiken zur Europawahl. Bis weit in den östlichen Teil der Stadt ziehen sich die grünen Flecken, verloren haben nicht nur SPD und CDU, sondern auch die Linkspartei: Mit 11,9 Prozent der Stimmen liegt sie in Berlin zwar deutlich über ihrem Bundesdurchschnitt, gegenüber dem Ergebnis der letzten Europawahl 2014 ist das aber ein Verlust von mehr als 4 Prozentpunkten.

Sicher, das bedeutet nicht unbedingt, dass sich die Linke auch für die nächste Abgeordnetenhaus- oder Bundestagswahl in Berlin Sorgen machen muss. Nicht wenige, die bei diesen Wahlen Linke wählen, werden dieses Mal am Sonntag ihre Stimme an andere, kleinere Parteien gegeben haben, allen voran Die Partei, die sich in Berlin über 4,8 Prozent der Stimmen freuen kann. Eine Europawahl-Besonderheit wegen der fehlenden Fünfprozenthürde, die das nächste na­tio­na­le oder kommunale Ergebnis wenig beeinflussen wird.

Damit allein das schlechte Abschneiden zu rechtfertigen, greift aber zu kurz. In Berlin wird deutlich, in welchem Dilemma die Linkspartei insgesamt steckt: Weder ist sie im Osten – auch in den Ostberliner Bezirken – noch die einstige Volkspartei, noch hat sie es wirklich geschafft, sich als AfD-Antipode für die kosmopolitischen Innenstadtmilieus zu präsentieren.

Das schaffen stattdessen die Grünen – sie sind es, die als politischer Gegenpol zur AfD wahrgenommen werden, nicht die Linke. Und sie sind es, die bei Wahlen die Erfolge der Klimabewegung ernten. Dabei hätte die Linke auf diesem Gebiet durchaus etwas anzubieten. Die wirtschaftsfreundliche Politik der Grünen passt bei genauem Hinsehen eigentlich viel weniger zu den Zielen der Klima- und Degrowthbewegung als die der Linken, die sich traut, Wachstumsparadigmen infrage zu stellen.

Nur: Das auch zu vermitteln, gelingt der Linkspartei momentan nicht. Und die Milieus in Neukölln und anderen Westberliner Bezirken, in denen sich Wähler bewusst für die Linke statt die Grünen entscheiden, sind viel zu klein, um den Verlust der Wählerstimmen im Osten zu kompensieren.

Darüber wird sich die Linke auch in Berlin Gedanken machen müssen, so europawahl-spezifisch das Ergebnis vom Sonntag auch sein mag. Malene Gürgen

Wie man das eben doch schaffen kann

Zahl von Geflüchteten in Arbeit fast vervierfacht

Der wilde Wind der Willkommenskultur fegt einem nicht direkt um die Ohren im Haus des deutschen Handwerks am historischen Gendarmenmarkt. Statt eines „Refugees Welcome“-Plakats prangt im Veranstaltungssaal des 1908 erbauten, außen gediegenen und innen getäfelten Gebäudes unübersehbar ein großes Kruzifix.

Doch kommt man mit den hier residierenden Herren vom Zentralverband des deutschen Handwerks erst einmal ins Gespräch, wundert man sich, wie viel politisches Widerstandspotenzial trotz ihres eher konservativen Auftritts in den deutschen Handwerkern so steckt. So wird die Einwanderungsabwehrpolitik des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU) hier fast ebenso kritisch gesehen wie auf Kreuzberger Demons­tra­tio­nen – wenn auch nicht aus moralischen, so doch aus praktischen Gründen, die am Ende vielleicht spürbarere Folgen haben.

„Wir brauchen die Jungs!“, fasste kürzlich im Gespräch mit der Autorin einer der Handwerksfunktionäre seinen Ärger zusammen. Mit „den Jungs“ meinte er Geflüchtete, die er und viele andere gern ausbilden würden, oft mangels nötiger Aufenthaltstitel aber nicht ausbilden dürfen.

Dass Berlin da mit gutem Beispiel bei der Erteilung von Ausbildungsduldungen und viel Unterstützung für Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen, vorangeht, macht sich bezahlt. Fast vervierfacht habe sich die Zahl von Geflüchteten in Arbeit und Ausbildung in den vergangenen drei Jahren, meldete Arbeits- und Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Mittwoch: von 3.800 vor drei Jahren auf mittlerweile 15.000. 12.000 Geflüchtete bereiten sich nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Sprachkursen und Qualifikationen auf eine Arbeitstätigkeit vor,12.000 sind noch ohne Arbeit.

„Wir schaffen das“, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 angesichts der hohen Flüchtlingszahlen gesagt – und das Schaffen dann später ihrem CSU-Innenminister überlassen, der darunter eher „wegschaffen“ versteht. In Berlin zeigt eine rot-rot-grüne Regierung, wie das mit dem Schaffen wirklich geht.

Alke Wierth

Die Einwanderungs­abwehrpolitik des Bundes­innenministers Horst Seehofer wird im Haus des deutschen Handwerks fast ebenso kritisch gesehen wie auf Kreuzberger Demonstrationen

Alke Wierth über die gelingende Integration Geflüchteter in Arbeit

Jetzt mal eine ganz neue Spielsituation

Union Berlin hat es eisern in die Bundesliga geschafft

Union im Roten Rathaus, Union auf dem Boot, Unioner Stadionparty, Balkon für Union: eine Jubelarie hat sich durch die Woche gezogen, da ist das Köpenicker Volk erstligareif. Nach dem Bundesligaaufstieg heißt sowieso nur einen Herzschlag vor dem ersten Bundesligaspiel, vor dem ersten Hauptstadtderby, ach was, vor dem Abstiegskampf.

Die erfolgreiche PR-Maschine von Union Berlin läuft, die Hauptstadtpresse übertönt einander brav in Loyalität und Jubel. Union sells. Dabei steht am Sonntag kaum bemerkt ein weiteres Unioner Relegationsspiel an. Die Frauen spielen gegen Andernach um den Aufstieg in die zweite Bundesliga, 1:1 lautete das Ergebnis im Hinspiel. Auch dort wird eher verteidigt und geackert, es gibt gewisse Parallelen zu den Männern, aber es ist bezeichnend, wie irrelevant das Team in der vermeintlich progressiven Berliner Öffentlichkeit bleibt. Wenn es nach der Unioner Vereinsführung geht, müssen die Frauen gar nicht unbedingt aufsteigen. Regionalliga reicht auch. Alles andere würde mehr Geld kosten, das der sympathische Knuddelklub lieber fast nur für die Männer aufwendet.

Nein, solidarisch und egalitär ist Union wahrlich nicht in jeder Beziehung. Kritik aushalten muss er dafür kaum. Immerhin, Union engagiert sich, Hertha lässt es bei den Frauen bequem gleich bleiben.

Jetzt also: Aufstieg der Unioner Herren. In der Presse wird auf die Ossi­drü­se gedrückt, aber für den Osten heißt der Union-Aufstieg wahrscheinlich gar nichts: nicht Dresden oder Magdeburg steigen auf, sondern ein Hauptstadtkiezklub, höchstens sentimental ostig. Keine entvölkerten Regionen profitieren, bloß ein paar Kioske in Oberschöneweide. Der Rest ist Folklore.

Ob die klamme Hauptstadt langfristig zwei Profiklubs ernähren kann, bleibt herauszufinden. Schon Hertha fehlen die Mittel, um den geplanten Großangriff in der Bundesliga zu starten. Geldgeber aus dem Ausland wären eine plausible Lösung, bisher suchen die Charlottenburger aber ihren Chinesen vergeblich. Denkbar also, dass langfristig nur Platz für einen Berliner Bundesligisten ist, nicht gesagt, welcher. Im Image und Auftritt zieht Union längst vorbei. Die Konkurrenz im Jugendbereich verschärft sich: Hertha hat sich in den vergangenen Jahren als großer Nachwuchsförderer profiliert und möchte das gern bleiben. Nein, der Westklub freut sich sicher nicht über Unions Aufstieg. Aber immerhin darüber, dass er jetzt einmal mehr das Olympiastadion ausverkauft. Mit dem Hauptstadtderby gelingt wohl ausgerechnet dank Union, was Hertha immer anstrebte: mehr Fußballmetropole Berlin. Mehr sichtbare, andere Fankultur.

Schattenseiten hat das. Die sogenannten Randsportarten rutschen weiter ins Halbbedeutungslose hinter der neuen Polarität. Die Lücke zum Berliner Amateurfußball wächst. Und die Unionerinnen dürfen weiter auf eine Zeit warten, in der dem Stammverein der Satz „Kein Geld“ nicht mehr als Ausrede durchgeht. Davon sind die Unioner Herren in der Bundesliga weit entfernt. Und Geld braucht man im Männerfußball ja eigentlich immer. Alina Schwermer