Steffen Grimberg
Flimmern und Rauschen

Dieses komplexe Ungleichgewicht zwischenPR und Journalismus

Foto: Regentaucher

Dass es heutzutage in den meisten entwickelten Ländern weit mehr PR-Treibende als JournalistInnen gibt, ist ein alter Hut. So alt, dass ihn sich niemand mehr aufsetzen mag: Wir haben uns daran gewöhnt; auch daran, dass Verbände, Parteien und Regierungen pseudoredaktionelle Strukturen aufbauen. Das heißt dann euphemistisch Newsroom und hat – wie übrigens bei den meisten deutschen Regionalzeitungen auch – mit richtigen Newsrooms nach angelsächsischem Vorbild relativ wenig zu tun.

So weit, so schlecht. Nun ließe sich viel sagen. Zum Beispiel, dass es sich auch in der PR rumgesprochen hat, dass JournalistInnen anzulügen oder durch Teilinformationen hinter die Fichte zu führen nicht mehr zeitgemäß ist. Weil es eigentlich immer rauskommt und sich selbst desavouiert. Man also insgesamt ein bisschen fairer und offener miteinander umgeht. Es sind ja im Zweifel auch alles – ehemalige oder pausierende – JournalistInnen auf der ach so berühmten und meist besser bezahlten anderen Seite des Schreibtisches. Obwohl: Gelogen wird natürlich auch immer noch hier und da. Und weggelassen, was das Zeug hält, sowieso.

Aber dann ist es auch die Aufgabe der Medien, die Lücken zu füllen und die LügnerInnen zu überführen. So weit, so schöne neue Normalität. Sie bekommt erst dann Risse, wenn sichtbar wird, dass PR trotz allem eigentlich zu den schwarzen Künsten gehört, wie jetzt bei Monsanto.

Dabei ist es gar nicht die systematische Erfassung von MedienvertreterInnen und WissenschaftlerInnen durch den US-Saatgutkonzern bzw. seine PR- und Lobbyanhängsel, die den Skandal ausmacht. Solche Listen beißen nicht, und wer immer noch meint, mit einer Einteilung nach dem Freund-Feind-Schema weiterzukommen, ist nur hinterm Mond – und schlecht. Schwarze Listen gehen immer nach hinten los. Vor allem dann, wenn die professionelle Solidarität unter den JournalistInnen stimmt und Informationen ausgetauscht werden.

Anders sieht es aus, wenn – wie offenbar bei Monsanto – solche Informationen gesammelt werden, um JournalistInnen nach der vermeintlichen Beeinflussbarkeit zu sortieren und zu ranken und daraus zu bevorzugende oder zu diskreditierende Personenkreise abzuleiten. Das riecht nicht nur nach Desinformation und Manipulation, das ist es auch. Und hier kann es niemanden tröstlich stimmen, dass auch diese Sachen fast immer ans Licht kommen. Denn es verletzt die ungeschriebenen Spielregeln des komplexen Ungleichgewichts zwischen PR und Journalismus. Und schrottet – JournalistInnen kennen das Gefühl – das höchste Gut und die Grundwährung des medialen Miteinanders: die Glaubwürdigkeit. Nicht, dass da bei Monsanto noch viel zu retten gewesen wäre …

Medienprofi Steffen Grimberg (früher taz, NDR und ARD, jetzt MDR) bringt jeden Mittwoch Unordnung in die aufgeräumte Medienwelt