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Hoch das internationale Akkordeon!

Das Nürnberger Bardentreffen steht dieses Jahr im Zeichen des „world wide accordeon“

Von Christian Rath

Der Sound des Akkordeons ist avantgardistisch, antifaschistisch und attraktiv: So könnte man die Botschaft des diesjährigen Bardentreffens in Nürnberg deuten. Bei zwanzig von mehr als neunzig Konzerten wird die Ziehharmonika eine zentrale Rolle spielen – das Instrument ist Schwerpunktthema während des diesjährigen Festivals.

Dabei ist das Akkordeon ein relativ junges Musikin­stru­ment, erfunden Anfang des 19. Jahrhunderts. Doch es hat sich schnell in alle Welt verbreitet. Heute spielt es in unzähligen Stilrichtungen eine Rolle, vom Alpen-Ländler über den argentinischen Tango bis zum Zydeco Louisianas.

Rainer Pirzkall, der Leiter des Bardentreffens, spricht deshalb vom „world wide accordeon“. Natürlich weiß auch er, dass das Instrument einen eher angestaubten Ruf hat. Viele denken an Schneewalzer und Musikantenstadl. „Eine viel zu enge Sichtweise“, so Pirzkall. Nach Nürnberg kommt etwa der Finne Kimmo Pohjonen, der seit zwanzig Jahren die Grenzen des Instruments auslotet. Er spielte in der Folkband Ottopassuuna, bevor er 1999 die Elektronik fürs Akkordeon entdeckte. Mitte der nuller Jahre gründete er die Experimentalband KTU, gemeinsam mit den King-Crimson-Musikern Trey Gunn und Pat Mastelotto. Sein Album „Sensitive Skin“ (2015) ist im Vergleich dazu etwas ruhiger.

Der französische Akkordeonist Vincent Peirani hat vor allem in der Jazzszene einen guten Ruf. Auf seinem jüngsten Album, „Night Walker“ (2018), hat er aber auch Rockklassiker von Led Zeppelin („Kashmir“, „Stairway to Heaven“) bearbeitet. Yegor Zabelow aus Weißrussland dagegen arbeitet mit seinem Akkordeon oft an repetitiven Strukturen, die immer bedrohlicher und fulminanter werden.

Das Bardentreffen gibt es seit 1976. Mit zuletzt rund 200.000 Besucher:innen an drei Tagen ist es das größte Umsonst-­und-draußen-Festival Deutschlands. Ursprünglich standen Liedermacher im Mittelpunkt, inzwischen reisen Global-Pop-Stars an. Der kritische politische Anspruch aber ist geblieben – so sind auch in diesem Jahr politisch ambitionierte Bands eingeladen, alle haben ein Akkordeon in ihren Reihen. Jaune Toujours aus Brüssel zum Beispiel verbinden parolenhafte Texte („Save le monde“) mit einer Mischung aus Chanson, Mestizo und afri­kanischer Weltmusik. Was die in ­Berlin ansässigen Daniel Kahn & The Painted Bird performen, könnte man sozialistischen Klezmer nennen. Auf seinem ­jüngsten Album, „The Butcher’s Share“ (2017), findet sich die schöne Zeile: „Freedom is a verb“, Freiheit ist also kein Zustand, sondern ein Verb, eine Handlung. Als äußerst tanzbar erweist sich die Musik der Mestizo-Band Che Sudaka aus Barcelona. Che Sudaka mischen Rock, Ska mit südamerikanischer Rumba und Cumbia, sie singen für die Rechte von Einwanderern und gegen die Macht der Konzerne. Ist auch hier ein Akkordeon dabei? Klar!

26. bis 28. Juli: 44. Bardentreffen Nürnberg, bardentreffen.nuernberg.de