Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Ich möchte, dass die Stadt mir einen kostenlosen Platz für meine Hüpfburg gibt

Foto: Lou Probsthayn

Katrin Seddig ist Schrift-stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Das Dorf“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

Jeden Morgen lese ich mich durch die Regionalnachrichten, bis ich richtig in Wut bin. Die durch morgendliche lokale Nachrichten ausgelöste Wut ist sozusagen mein Kaffee am Morgen, mein Frühsport und meine kalte Dusche. Die meisten Nachrichten, die mich richtig in Wut versetzen, haben mit dem Straßenverkehr zu tun. Der Wolf beschäftigt viele Menschen, aber wie viele Menschen sind durch den Wolf gestorben? Und wenn ein paar stürben, was würde das schon bedeuten, ins Verhältnis gesetzt zu denjenigen, die durch den Straßenverkehr sterben? Fahrradfahrer vom abbiegenden LKW überfahren? Passiert jeden Tag. Interessiert niemanden mehr.

Aber dann gibt es folgende Meldung: Rund um den Flughafen Hamburg sollen noch mehr Parkplätze für Anwohner reserviert werden. Die Höchstparkdauer für Nichtanwohner soll drei Stunden betragen. Eines der erregendsten Dinge in der medialen Welt. Sie nehmen uns unsere kostenlosen Parkplätze weg!

Parkplatz. Was ist das eigentlich? Ein Platz, auf dem ein Auto steht. Irgendwo muss so ein Auto ja stehen. Es kann ja nicht verschwinden. Und dann erwartet natürlich der Besitzer eines solchen Gegenstandes, dass die Stadt ihm diesen Platz – kostenlos – zur Verfügung stellt. Ich habe eine große, bunte Seifenblasenmaschine, die macht überhaupt keinen Dreck, ich möchte, dass die Stadt mir kostenlos einen Platz für diese Seifenblasenmaschine zur Verfügung stellt, auch für meine Hüpfburg, meine Sitzecke mit Liegestuhl und meinen kleinen, eingezäunten Hühnerhof.

Die Hühner brauchen nun mal Platz, das sieht doch wohl jeder ein. Ich soll meine Hühner auf meinem eigenen, von mir selbst angemieteten Platz unterbringen? Das kann ich mir doch gar nicht leisten, das ist doch viel zu teuer! Und dann erklären mir die Menschen, dass sie ihr Auto wirklich brauchen, weil sie ohne dieses Auto ein Leben gar nicht mehr führen könnten. Weil sie zur Arbeit fahren müssen, zur Arbeit! Ich besitze kein Auto und fahre vermutlich nicht nur nicht zur Arbeit, ich arbeite auch gar nicht. Nur Leute, die ein Auto besitzen, wissen um den Wert der Arbeit und sind bereit, sich anzustrengen.

Kann man diesen Menschen leise ins Ohr flüstern, dass der Flughafen Fuhlsbüttel eine S-Bahn-Station besitzt? Nein. Mit der S-Bahn können sie nicht fahren. Es gibt viele Gründe, die gegen das Benutzen der S-Bahn sprechen. Man lese einfach Kommentare unter Artikeln, in denen es um den öffentlichen Nahverkehr geht.

Anwohner brauchen wir nicht, Bäume auch nicht, realistisch muss man sein

Das Parkhaus ist zu teuer. Das Fliegen nicht. Wenn das Fliegen in ein anderes Land billiger ist als das Parken im Parkhaus in Fuhlsbüttel, dann stehen das Parken und das Fliegen ja in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander. Dieses Missverhältnis ist nur aufzulösen, wenn auch das Parken so billig wie das Fliegen wird. Die Stadt könnte das Parken am Flughafen bezuschussen, damit die Menschen umsonst dort parken könnten. Das würde sie motivieren, diesen Flughafen mehr zu nutzen. Das bedeutete Wirtschaftswachstun. Das ist, was wir brauchen: Ins Unendliche muss die Wirtschaft wachsen, Anwohner brauchen wir nicht, Bäume auch nicht, realistisch muss man sein.

In Sögel, das muss noch hierher, Sögel ist eine kleine Stadt im Emsland, da haben sie Bäume an der Landstraße halbiert, wegen eines einzigen Schwertransportes. Die Sögeler können noch Prioritäten haben. Ein Schwertransporter muss ja fahren können, wenn er nicht fahren könnte, könnte er nicht transportieren, und wenn er nicht transportieren könnte, was dann? Das Wachstum würde stocken. Ein Geschäft würde platzen. Wir leben nicht von Bäumen, wir leben von Geschäften. Bäume gehören nicht an Straßen, sagt einer dazu. Bäume sind Totmacher, sagt ein anderer. Ich muss darüber nachdenken. Ich war mir nicht bewusst, dass Bäume Totmacher sind. So vieles muss man bedenken, wenn man nicht zur Arbeit muss, keine Geschäfte macht und nur öffentliche Verkehrsmittel nutzt.