hörbuch

Erich Mühsams lustvoller Anarchismus des Herzens

Sein umtriebiges Leben in der Schwabinger Boheme und das Eintreten für die „freie Liebe“ aller Geschlechter hat dem 1878 in Berlin geborenen Erich Mühsam nachhaltig den Ruf eines Hallodris und Kaffeehausliteraten eingebrockt. Dass der gelernte Apotheker ein unbestechlicher Anarchist war, der nach eigenen Angaben am 7. November 1918 als Erster in München die Bayerische Räterepublik verkündete, ist in „Sechs Tage im April. Erich Mühsams Räterepublik“ nachzuhören. Er verstand es, seine vernunftgeschulten pazifistischen Ansichten in Schriften und Reden wortgewaltig und mit satirischem Humor zu erläutern.

Der Mühsam-Spezialist Markus Liske – er veranstaltet regelmäßig zusammen mit der Autorin Manja Präkels das Erich-Mühsam-Fest – beschränkt sich in seiner Montage nicht auf die schlichte Nacherzählung der historischen Ereignisse vom 7. bis 13. April 1919: In dieser zweiten Phase gehörte Mühsam zusammen mit Gustav Landauer und Ernst Toller zu den Anführern der Münchner Räterepublik. Liskes Erzählung beginnt bereits 1901 in Friedrichshagen bei Berlin, wo Mühsam Freundschaft mit dem Anar­chisten Gustav Landauer schließt, und endet 1934 mit der Ermordung Mühsams im KZ Oranienburg durch eine SS-Wachmannschaft.

Dazwischen gibt Liske den politischen Ideen Mühsams viel Raum. Da nach der Überwindung der Klassengesellschaft eine „Diktatur des Proletariats“ obsolet ist, müsse alle Macht bei den Räten liegen. Zudem müssten sich die Delegierten so nicht für Jahre binden, außerdem stehe der Mensch ohnehin über Parteizugehörigkeiten. Die Abschaffung der staatlichen Gewalt zugunsten einer wirklich freien Gesellschaft wollte Mühsam ohne Blutvergießen erreichen, denn „ein Mord ist ein Mord, egal von welcher Seite er verübt wird“.

In bisweilen etwas zu salbungsvollem Tonfall kommentiert Liske luzide die Originaltexte. „Der Parteienverächter Mühsam lehnt den Parlamentarismus kategorisch ab und ruft zum Wahlboykott auf.“ Kunstvoll setzt Liske die Einschätzungen des Rechtspraktikanten Löwenfeld um, der glaubte, Mühsam würde von den Kommunisten als Werkzeug missbraucht. Dem sind Texte gegenübergestellt, in denen sich Mühsam trotz aller Bedrängnis mit Sinn für Humor verteidigt. So entsteht ein fesselnder Dialog. Robert Stadlober liest Mühsams Texte, Tagebucheinträge und Briefe rastlos und klar, spiegelt damit dessen innere Unruhe und kühne Entschlossenheit. Damit wird, wie Liske es an einer Stelle nennt, Mühsams „lustvoller Anarchismus des Herzens“ evident. Das Ideal von der Freiheit des Individuums gibt der Anarchist auch dann nicht auf, als er 1920 zu drakonischer Festungshaft verurteilt wird. In den damals verfassten Schriften scheint „das agitatorische Feuer erloschen“, sein Ton wird analytischer, und er referiert auf die kurze Phase der Münchner Räterepublik bereits historisierend.

Markus Liske: „Sechs Tage im April. Erich Mühsams Räterepublik“.Speak Low, Berlin 2019, 1 MP3-CD, 220 Min.

Zwischendrin versetzen sich Manja Präkels und ihre Band Der Singende Tresen in die Gefühlswelt Mühsams. Die ­Musiker verleihen der spannenden Montage mit einer Mischung aus politischem Lied – Brecht und Eisler winken von ganz nah –, Jazz und Chanson zusätzlich Charakter. Sylvia Prahl