terror in sri lanka

Es waren Islamisten, sagt Sri Lankas Regierung

Attentate auf Kirchen und Luxushotels am Ostersonntag forderten mindestens 290 Tote. Regierung spricht von „internationalem Netzwerk“. Polizeiwarnungen zuvor ignoriert

Das Innere der katholischen St.-Sebastian-Kirche nach dem Anschlag. Foto: Athit Perawong­metha/reuters

Von Sven Hansen

Sri Lankas Regierung wirft einer lokalen islamistischen Gruppe mit mutmaßlichen Verbindungen zum internationalen Dschihadismus vor, für die Anschläge auf Kirchen und Luxushotels am Ostersonntag verantwortlich zu sein. Die Regierung sei fest davon überzeugt, dass die Gruppe National Thowheeth Jama’ath (NTJ) die Selbstmordattentate verübt habe, sagte Kabinettssprecher und Gesundheitsminister Rajitha Senaratne am Montag und fügte hinzu: „Wir glauben nicht, dass diese Angriffe von einer Gruppe von Menschen verübt wurden, die auf dieses Land begrenzt war. Es gab ein internationales Netzwerk, ohne das diese Angriffe nicht gelungen wären.“

Die kleine Gruppe NTJ war bisher mit der Zerstörung von Buddhastatuen in Erscheinung getreten. Ihr Führer Abdul Razik sitzt seit 2016 wegen rassistischer Aufrufe in Haft. Die sieben Selbstmordattentäter, die am Sonntagmorgen nahezu zeitgleich drei Kirchen an drei Orten und drei Hotels in der Hauptstadt angegriffen hatten, seien Einheimische, sagte Sprecher Senaratne am Montag. Die zwei am Sonntagnachmittag erfolgten Anschläge würden noch untersucht. Bei einem kamen drei Polizisten um, die einen Verdächtigen festnehmen wollten.

Am Montag wurde eine weitere Bombe an einer Straße zum internationalen Flughafen von Colombo gefunden. Sie konnte entschärft werden. Einen weiteren Sprengsatz fand man in einem geparkten Auto nahe einem Anschlagsort. Das Fahrzeug wurde gesprengt. An einem anderen Ort in Colombo wurden an einer Bushaltestelle 87 Zünder sichergestellt.

Bei den Attentaten am Sonntag wurden laut Polizei mindestens 290 Menschen getötet, darunter 35 Ausländer, und mehr als 500 Personen verletzt. Bisher wurden 24 Verdächtige festgenommen. Die Regierung reagierte mit der Anordnung einer Ausgangssperre und der Sperrung sozialer Medien (siehe Kasten). In der Nacht zu Dienstag sollte noch der Ausnahmezustand ausgerufen werden.

St.-Antonius-Kirche nach dem Anschlag: Auch die Statue der Jungfrau Maria wurde zerstört Foto: Dinuka Liyanawatte/reuters

Wie sich inzwischen herausstellte, hatte Sri Lankas Vizepolizeichef am 11. April in einem Schreiben an Polizeistellen vor Attentaten auf Kirchen sowie auf die indische Botschaft gewarnt. Dies räumte die Regierung ein. Namentlich genannte Verdächtige sollen nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im März im neuseeländischen Christchurch gegen andere Religionen gehetzt haben. Die Warnungen hatten offenbar keine Konsequenzen. Premierminister Ranil Wickremesinghe, der nach eigenen Angaben nicht informiert wurde, ordnete eine Untersuchung an.

Im letzten Quartal 2018 hatte ein Machtkampf zwischen Wickremesinghe und Präsident Maithripala Sirisena die Politik über Wochen gelähmt. Sirisena, dem die Sicherheitskräfte unterstehen, hatte Wickremesinghe durch den buddhistisch-natio­nalistischen Oppositionsführer Mahinda Rajapaksa ersetzt. Doch fand dieser keine Mehrheit im Parlament und konnte letztlich Wickremesinghe nicht verdrängen. Es ist unklar, ob und welche Auswirkungen die Loyalitäten des Sicherheitsapparats im Machtkampf auf die Gefahrenabwehr hatten. Die Anschläge dürften Wickremesinghe schwächen und den Oppositionsführer und Hardliner Rajapaksa stärken.

Während der Ostergottesdienste waren am Sonntagmorgen in drei Kirchen zeitgleich von Selbstmordattenttätern gezündete Bomben detoniert. In Colombo wurde die katholische St.-Antonius-Kirche (Text unten) getroffen, im 30 Kilometer nördlich gelegenen Negombo die katholische St.-Sebastians-Kirche und in Batticaloa an der Ostküste, 280 Kilometer von Colombo entfernt, die evangelikale Zionskirche. Nur 7,4 Prozent der Bewohner Sri Lankas sind Christen (meist Katholiken). Muslime machen 9,7 Prozent aus, Hindus 12,6 Prozent, die große Mehrheit sind Buddhisten.

Zeitgleich waren in drei Luxushotels (Shangri La, Cinnamon, Kingsbury) im Zentrum Colombos drei Bomben explodiert. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 2009 hat sich die Zahl der Touristen in Sri Lanka auf 2 Millionen pro Jahr vervierfacht.

Direkt nach den Terroranschlägen hat die Regierung in Colombo bis auf Weiteres Facebook, WhatsApp, YouTube, Instagram, Viper und Snapchat in Sri Lanka blockieren lassen. Damit soll die Verbreitung von Hass und Gerüchten und damit Gewalt verhindert werden. Schon 2018 war Facebook kurzzeitig blockiert worden, nachdem Postings zu antimuslimischen Ausschreitungen geführt hatten. Der Facebook-Konzern, dem auch WhatsApp und Instagram gehören, steht unter Druck, stärker gegen Hassbotschaften und Gerüchte vorzugehen. In Indien gab es mehrere Fälle von Lynchjustiz, nachdem per WhatsApp falsche Beschuldigungen verbreitet worden waren. In Myanmar verstärkten antimuslimische Postings die Gewalt gegen die Rohingya-Minderheit. Doch jetzt wurden in Sri Lanka soziale Netzwerke erstmals präventiv gesperrt. (han)

Im 26-jährigen Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilien, der mit der militärischen Niederlage der tamilischen Befreiungstiger (LTTE) einschließlich der Ermordung von rund 40.000 Zivilisten endete, war Sri Lankas christliche Minderheit weitgehend verschont geblieben. Es waren die (meist hindustischen) LTTE-Kämpfer, die bis dahin Selbstmordattentate durchführten. 1996 gab es bei einem LTTE-Selbstmordanschlag auf die Börse in Colombo fast 100 Tote. Erst später machten Islamisten vom Schlage al-Qaidas in anderen Ländern Selbstmordattentate zu ihrem Markenzeichen.

Seit 2009 gab es in Sri Lanka keine Anschläge mehr, aber sehr wohl Spannungen mit Ausschreitungen zwischen nationalistischen Buddhisten inklusive Mönchen auf der einen und Muslimen sowie meist evangelikalen Christen auf der anderen Seite. Im März 2018 wurde im zentralen Kandy nach antimuslimischen Ausschreitungen eines buddhistischen Mobs kurzzeitig der Notstand ausgerufen. Übergriffe der muslimischen auf die christliche Minderheit gab es bisher ebenso wenig wie umgekehrt.

Sri Lankas Muslimrat verurteilte noch am Sonntag die Angriffe auf die Kirchen „der christlichen Brüder und Schwestern“ sowie auf die Hotels, rief die Muslime des Landes zu Hilfe auf und erteilte jeglicher Gewalt eine Absage. Bisher bestanden in Sri Lanka, im Unterschied zu dem muslimischen Nachbarland Malediven, wo es auch eine gesellschaftliche Radikalisierung gab, kaum Verbindungen zwischen den lokalen Muslimen und dem internationalen Dschihadismus. Als Täter oder Drahtzieher kämen etwa mutmaßlich aus Syrien zurückgekehrte Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) infrage. Laut Regierung hatten sich aber nur 32 Muslime aus Sri Lanka dem IS angeschlossen, eine im internationalen Vergleich sehr geringe Zahl.

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