petition der woche

Für einen Euro pro Tag durch die Stadt – was in Wien geht, will Leipzig auch können

Anlass der Petition Immer höhere Ticketpreise im ÖPNV

Das wollen die Initiatoren Für 365 Euro im Jahr durch Leipzig fahren

Das wollen sie nicht Nur billige Preise, aber ein mieses Angebot

In Leipzig nimmt man sich Wien zum Vorbild. Im Ranking der Zeitschrift Economist ist die österreichische Hauptstadt neuerdings die lebenswerteste Stadt. Gerne verweist man hierzulande auf die günstigen Mieten und den sozialen Wohnungsbau dort. Ein weiteres Lieblingsthema: der öffentliche Nahverkehr. Seit 2012 müssen die Wiener*innen für ein Jahresticket nur 365 Euro zahlen – also einen Euro am Tag.

Das will der Umweltverband Ökolöwe nun auch in Leipzig durchsetzen. Den Appell haben seit dem 19. Februar mehr als 3.500 Menschen unterzeichnet, auch die Fraktion der SPD, die im Stadtrat 12 von 68 Sitzen stellt, unterstützt die Forderung. Seitdem verteilen die Initiator*innen in grünen T-Shirts über den dicken Jacken und mit Lastenrad in der Leipziger Fußgängerzone und an Haltestellen Flyer, um für weitere Unterschriften zu werben. „Wir Leipziger*innen brauchen endlich einen attraktiven Nahverkehr zu erschwinglichen Preisen“, heißt es von deren Seite. So sollen mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen und das Auto künftig stehen lassen.

Bisher tun das laut Ökolöwe nur 18 Prozent der Leipziger*innen. Viele könnte der Preis abschrecken: Kostete eine Einzelfahrt mit Straßenbahn oder Bus 2004 noch 1,30 Euro, liegt der Preis für denselben Fahrschein heute bei 2,70 Euro.

Das „Abo Light“, dessen Leistungen mit dem Wiener Jahresticket vergleichbar sind, kostet in Leipzig derzeit 646,80 Euro. Für Fahrrad und Hund braucht es, anders als in Wien, ein Extraticket.

Der gebotene Service aber ist mager: Bisher glänzen die Trams und Busse in Leipzig vor allem durch große zeitliche Abstände und ihre Abwesenheit in manchen Vierteln und am Stadtrand. Kommt die Tram dann endlich, hat man sie womöglich verpasst, weil sie wieder zu früh abgefahren ist. Dann heißt es: noch mal 15 Minuten warten.

Die Wiener*innen aber sind zufrieden mit ihrem Jahresticket. Seit der Einführung 2012 hat sich der Anteil der „Öffi“-Nutzer*innen auf 38 Prozent verdoppelt. Seit 2015 gibt es mehr Jahreskarten als zugelassene Pkws.

Doch genau davor fürchten sich die Kritiker*innen der Ökolöwen-Forderung. Wien habe 20 Jahre lang kräftig in den öffentlichen Nahverkehr investiert, bevor die rot-grüne Stadtregierung das 365-Euro-Ticket eingeführt hat, sagte der Sprecher des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen, Lars Wagner, der Leipziger Volkszeitung. Leipzig müsste jährlich und dauerhaft einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in das Bus- und Schienennetz investieren.

Genau das plant der Stadtrat: In den kommenden Jahren will er die Ausgleichsbeträge für den Nahverkehr aufstocken, 2030 sollen dann 80 bis 90 Millionen Euro fließen.

Die Ökolöwen hoffen außerdem auf Unterstützung von Bund und Freistaat. „Die Politik muss jetzt die Weichen stellen“, sagt Matthias Uhlig, der bei dem Umweltverbund arbeitet. „Der Ausbau des ÖPNV-Angebots muss Hand in Hand mit der Einführung des 365-Euro-Jahrestickets gehen.“

Die Leipziger Verkehrsbetriebe wollten sich bisher nicht zum Appell äußern. Die Initiator*innen aber möchten, dass Leipzig in Deutschland Vorreiter in Sachen Nahverkehr wird. Der Weg dahin ist noch weit.

Währenddessen kommt in Wien zu Stoßzeiten alle zwei Minuten die U-Bahn, gerade wird an einer neuen Linie vom Karlsplatz zum Elterleinplatz gebaut. Die entlastet den Verkehr in der Innenstadt und verbindet Außenbezirke, die bislang keine Anbindung hatten. Ach Wien.

Jana Lapper