Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Gegen die Geschlechterrollen beim Karneval gibt es viel zu sagen

Foto: Lou Probsthayn

Katrin Seddig ist Schrift-stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Das Dorf“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

Der Karneval geht an einem in Hamburg ja meistens vorbei. An mir ist er schon immer vorbeigegangen, ich habe einfach nichts dafür übrig. Aber ich möchte die Menschen feiern lassen, ich versuche, zu glauben, dass es irgendetwas Gutes daran geben könne, dass mir eben abgeht. Es muss mit Tradition zu tun haben, mit Kindheitsritualen und natürlich – das kann ich am ehesten verstehen – auch mit dem Exzess. Der Exzess ist so notwendig für uns wie der Alltag und die Gewohnheiten. Das eine hilft uns, den regelmäßigen Leistungsanforderungen gerecht zu werden, das andere, unsere seelische Gesundheit zu behalten. Wir sind ja keine Maschinen, Effizienz ist nicht die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Exzess ist es auch nicht. Dazwischen finden wir uns dann wieder, zwischen Taumeln und Marschieren.

Der Karneval findet sehr wohl auch in Norddeutschland statt, mir ist er erst jetzt, nachdem er vorbei ist, als ein Bild untergekommen. „Die Bilder des Tages aus Niedersachsen“, im NDR, da war es. Auf diesem Bild ist im Vordergrund ein Mädchen zu sehen, das mit ausgebreiteten Armen in die Luft springt. Sie trägt die traditionelle Kleidung der Tanzmariechens, ihre Beine sind gespreizt und man kann quasi zwischen diesen gespreizten Beinen hindurchgucken. Zwischen ihrem linken Oberschenkel und ihrem linken Arm klatscht im Hintergrund fröhlich der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Peter Weil in die Hände. Neben ihm aufgereiht stehen andere Tanzmariechen in ihren kurzen Röckchen, mit ihren geflochtenen Zöpfen, sie alle klatschen und freuen sich mit dem Herrn Ministerpräsidenten.

Warum sind da keine Jungen?, frage ich mich. Warum sind da nur ältere Herren und blutjunge Mädchen in kurzen Röckchen auf diesem Bild? Ich habe keine Ahnung, deshalb recherchiere ich das und weiß nun, dass die Tanzmariechen ursprünglich ausschließlich von Männern dargestellt wurden. Erst der Nationalsozialist stieß sich an dieser Kostümierung, die ihm etwas Gefährliches schien, in Art der Travestie, weswegen man in dieser Zeit dazu überging, das Tanzmariechen den Frauen und Mädchen zu überlassen. Nach dem Faschismus ist man dabei geblieben. Bis heute.

Aus dem „Narrenlexikon“ des Hannoveraners Jürgen Reschke erfahre ich: „Optisches Vorbild für die heutigen Tanzmariechen waren die so genannten Marketenderinnen des 18. Jahrhunderts – Frauen, die in verschiedenen Funktionen militärische Truppen begleiteten. Dementsprechend hat die Kostümierung der Mädchen und Frauen (…) etwas Militärisches. Kurzer Rock, Strumpfhose, Spitzen- oder Rüschenunterwäsche betonen dagegen die weibliche Komponente.“ Auf Wikipedia finde ich zum Berufsbild der Marketenderin: „Frauen kombinierten diesen Beruf häufig mit Prostitution.“

Die Tanzmariechen tun das, was ihr Name besagt: sie tanzen. Aber es ist mehr als das, sie tanzen auf eine geradezu akrobatische, artistische Art und Weise, ihr Tanzen ist ein Sport. Davor habe ich Respekt, vor der körperlichen Leistung. Und es macht ihnen gewiss Spaß. Warum befremdet mich dennoch dieses Bild mit dem Ministerpräsidenten und den Tanzmariechen? Ist es die Kombination, der Altersunterschied, die Rolle, in der diese jungen Mädchen in diesen kurzen Röcken stecken, auch wenn die Beine darunter nicht nackt sind, sondern nur nackt scheinen? Weil das Vortanzen in keiner Turnhalle sondern in der Staatskanzlei vor den Herren in Amt und Würde stattfindet? Wünschte ich meine Tochter an dieser Stelle?

Warum sind da nur ältere Herren und blutjunge Mädchen in kurzen Röckchen auf diesem Karneval-Foto?

Nun ist Herrn Weil ja nicht vorzuwerfen, dass er hinsieht und dazu lächelt, was bleibt ihm auch übrig? Es ist auch nichts gegen Tanzsportgruppen zu sagen. Aber gegen dieses Bild gibt es sehr viel zu sagen. Es gibt etwas gegen die Geschlechterrollen beim Karneval zu sagen. Es gibt etwas gegen die Rolle des Tanzmariechens zu sagen. Es gibt sehr viel gegen solche Auftritte von Mädchen in Staatskanzleien vor älteren Herren zu sagen. Ich bin dagegen.