berliner szenen

Alter Osten

„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo die Carmen-Sylva-Straße ist?“ Ein älterer Herr hat uns am Heinrich-Mann-Platz in Pankow vom Radweg gewinkt. Der Heinrich-Mann-Platz ist ein Kreisverkehr im ehemaligen DDR-Künstler- und -Bonzenviertel. Viele Villen, viel grün, viele Parks. Super Gegend zum Spazie­ren­gehen.

Spinnefeind, sagt meine Mutter, sollen sich die Bewohner der schicken Häuser damals gewesen sein. Und jeder hat jeden bespitzelt.

Der alte Herr, der jetzt nach dem Weg fragt, erinnert mich sofort an meine Großmutter. Er ist groß und schlank und irgendwie leger elegant angezogen. Er berlinert ein bisschen. Genauso wie meine Großmutter berlinert hat, wenn sie dachte, sie spräche hochdeutsch. Ich schätze ihn auf Anfang achtzig.

„Wie heißt die Straße?“, frage ich nach.

„Carmen-Sylva-Straße“, sagt er.

Ich gucke Paul an, er schüttelt den Kopf.

„Sollen wir auf dem Handy gucken?“, frage ich den Herrn. Ich ahne sofort, dass es die Straße hier nicht gibt. Wieder muss ich an meine Großmutter denken. Sie war am Schluss ziemlich dement.

Paul hat sein Handy he­rausgeholt. Der alte Mann hat ja keines. So nackt. So hilflos. Ohne Handy.

„Silberstraße?“, fragt Paul und tippt.

„Carmen Sylva“, korrigiert der Herr.

Paul findet die Straße. Die Erich-Weinert hieß früher so.

„Die ist aber in Prenzlauer Berg“, sage ich. „Das ist ganz woanders.“

Der Mann nickt und zuckt mit den Schultern. Er weiß das. Das kann ich sehen. Ihm schwant, dass er gerade irgendwas verwechselt hat. Er weiß nur nicht, was. Er ist doch Berliner. Er kennt sich aus. Er war hier früher oft. Das alles liegt in seinem Schulterzucken.

„Was soll denn da sein?“, frage ich. Hier sind einige Seniorenheime in der Nähe. Vielleicht will er jemanden besuchen?

„So ein Club“, sagt er. „Nach diesem Maler benannt …“ Er sucht nach Worten. Mir dämmert was. Ich rufe meine Mutter an.

„Mama“, sage ich. „Wo war dieser Club, wo du als junges Mädchen mal in Pankow warst? Was du uns erzählt hast. Mit den ganzen Künstlern.“ Der alte Herr nickt glücklich.

„Beatrice-Zweig-Straße“, sagt meine Mutter sofort.

„Ja!“, ruft der Herr. Es ist gleich die nächste Querstraße.

Zu Hause gucke ich noch mal nach. Erich Weinert hat in der Straße gewohnt. Seit seinem Tod 1953 wurde das ganze Viertel Erich-Weinert-Viertel genannt, die Straße selbst hieß bis vor Kurzem nur 201. Erst neuerdings heißt sie nach der Malerin Beatrice Zweig.

Der besagte Club ist im Haus des Malers Max Lingner. Und meine Mutter war als Mädchen mal in einen Salon eingeladen. Biermann hat da sogar gespielt.

Da kann man schon mal durcheinanderkommen.

Lea Streisand