heute in hamburg

„Widerstand gegen Monolog der Macht“

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Theo Bruns, 65, ist Lektor, Verleger und Aktivist im Gängeviertel.

Interview Philipp Effenberger

taz: Herr Bruns, in Ihrem Buch erzählen Sie die Geschichte der G20-Proteste aus Sicht der Protestierenden nach. Warum?

Theo Bruns: Weil wir selbst an verschiedenen Protestaktionen während G20 in Hamburg beteiligt waren. Wir wollten keine Vogelperspektive wie große NGOs oder politische Parteien einnehmen, sondern die gesamte Protestwoche aus Sicht der AktivistInnen darstellen. Unser Buch bündelt das Wissen verschiedenster Protestformen. Der Fokus der Berichterstattung liegt ja häufig auf der Repression, den ­Riots und den Strafprozessen. Wir wollen hingegen eine umfassende Gesamtdarstellung der Proteste geben.

Bei welchen Protesten haben Sie selbst mitgewirkt?

Ich war während G20 im Gängeviertel in der Presse-AG aktiv. Wir waren aber auch bei anderen Aktionen auf der Straße. Unter anderem im Arrivati-Park, im alternativen Medienzentrum FC/MC oder bei der „Welcome to Hell“-Demo.

Hat Sie die Kreativität der Proteste überrascht?

Obwohl sie sich vorher abgezeichnet hat, hat mich die Vielfalt positiv überrascht. Etwa Aktionsformen wie die „Tausend Gestalten“ oder Hamburgs größter politischer Rave „Lieber tanz ich als G20“. Das habe ich so noch nicht erlebt. Auch die Camps, der Alternativgipfel, der Bildungsstreik und die Blockadeaktionen zeigen, wie vielfältig die Proteste waren. Das war sehr ermutigend.

Inwiefern ermutigend?

Lesung und Diskussion: „Das war der Gipfel. Die Proteste gegen G20 in Hamburg“, 18 Uhr, Fabrique im Gängeviertel, Valentinskamp 28a

Die Vielstimmigkeit des Widerstands gegen den Monolog der Macht in diesen Tagen war ermutigend. In der Diversität der Proteste gab es eine solidarische Bezugnahme aufeinander, stärker als bei den G8-Protesten in Heiligendamm 2007. In Hamburg haben die Protestierenden die Verschiedenheit der Aktionsformen akzeptiert. Es war ein Moment der Verbundenheit. Wir haben gezeigt, dass es eine andere Art gibt, Politik zu machen, und eine alternative Form der Vergesellschaftung in Keimformen zum Ausdruck gebracht. Gerade in Zeiten von rechtem Populismus und wachsendem Nationalismus ist das wichtig.

Kann das Buch den Diskurs über die G20-Proteste verändern?

Wir hoffen es. Doch wir mussten auch feststellen, dass die Abwehr, die Perspektive der G20-KritikerInnen zur Kenntnis zu nehmen, oft groß ist. Das Narrativ der linken GewalttäterInnen hat sich nach der Freitagnacht des Gipfels in der Schanze durchgesetzt. Den Riot haben wir im Buch als Gespräch dargestellt, um die kontroversen Positionen zu Wort kommen zu lassen. Während der G20-Proteste waren darüber hinaus geschätzt eine Viertelmillion Leute auf der Straße. Deren Perspektive ist durch den dominierenden Diskurs unsichtbar gemacht worden. Wir versuchen, sie wieder sichtbar zu machen.