heute in bremen

„Auch die Männer sind überarbeitet“

Foto: privat

Eva Senghaas-Knobloch 75, pen­sionierte Arbeitswissenschaftlerin des Forschungszentrums Nach­haltigkeit.

Interview Lea Schweckendiek

taz: Frau Senghaas-Knobloch, wachstumskritische Arbeitszeitpolitik ist ein sperriges Wort. Was steckt dahinter?

Eva Senghaas-Knobloch: Ich will das gern am Beispiel der Sorgetätigkeiten veranschaulichen. Der Bereich beruflicher Pflege ist, wie mittlerweile die meisten sozialen Aufgaben, längst nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichtet. Es geht um Leistung – weil sich auch hier Firmen ansiedeln, die auf Gewinne und Wirtschaftlichkeit aus sind. Aus wachstumskritischer Perspektive wollen wir Leben und Zeit aber nicht verwirtschaftlichen. Allen soll genug Zeit für ein gutes Leben zur Verfügung stehen.

Also geht es um die Gestaltung von Arbeitszeit?

Sowohl das als auch darum, wie viel Zeit die Erwerbsarbeit im Leben einnimmt. Es muss auch Zeit für Tätigkeiten neben dem Beruf geben, zum Beispiel für unbezahlte Sorgearbeit.

Welche Kriterien müssten in der Pflege statt der Wirtschaftlichkeit angewandt ­werden?

Es geht um die Bedürfnisse der Personen, die gepflegt werden, aber auch um das Wohlbefinden der Pflegenden. Diese Faktoren sollten eigentlich zentral für solche Berufe sein, die von sozialen Beziehungen zwischen den Menschen geprägt sind und ein gutes Zusammenleben bedingen.

Aus feministischer Sicht ist Sorgearbeit kritisch, weil sie zu oft unbezahlt von Frauen übernommen wird.

Diskussion “Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben: Arbeitszeitverkürzung für ehrenamtliche Arbeit?” 19 Uhr, Hulsberg Crowd (ehem. Schwesternwohnheim) 44–46.

Pflege lag und liegt seit Jahrhunderten in den Händen von Frauen – die sich rund um die Uhr um unmittelbar lebensnotwendige Tätigkeiten kümmern. Die Arbeitszeitregelungen auch der beruflichen Pflegearbeit entsprachen bis in die 60er nicht dem modernen Berufsleben. Erst der Mangel an Pflegekräften erzwang ein Umdenken.

Wenn weniger Arbeit Zeit für Ehrenämter schaffen soll, profitieren doch wieder nur Männer?

Das hängt davon ab, wie man ehrenamtliche Tätigkeiten definiert. Auch Pflege und Sorgearbeit sollten in diesen Bereich fallen, schließlich soll eine Verkürzung der Arbeitszeit auch dazu führen, dass alle Menschen Zeit haben, Angehörige. Freunde oder Nachbarn zu umsorgen, wenn es gewünscht ist. Auch die Männer, die heute Sorgearbeit leisten, sind völlig überarbeitet, weil auch ihnen die Pflege Angehöriger nicht als Arbeit anerkannt wird.