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Hauptsache Freiraum

Schaukel, Wippe, ... gähn: Ist der Spielplatz langweilig geworden – durch immer gleiche Geräte, abgerundete Ecken und Sicherheitsnormen? Was ist wichtiger: Abenteuer oder Sicherheit? Eine kleine Kulturgeschichte

Sandbox, See-Saw, Slide and Swing: Auf vielen Spielplätzen dominieren diese „4S“ (auf Deutsch: Sandkiste, Wippe, Rutsche und Schaukel). Auf diesem hier in Hamburg gibt es immerhin auch noch ein Wipptier Foto: André Zuschlag

Von André Zuschlag

In der Bundesrepublik der 1970er-Jahre ging eine Diskussion los, die bis heute auf die Gestaltung von Spielplätzen nachwirkt: Die Kritik an einer allgemeinen Kinderfeindlichkeit, die sich an der immer gleichen Konstellation aus Rutsche, Sandkasten und Klettergerüst auf käfig­artigen Spielplätzen zeige. Seitdem wird gefragt, was ein Spielplatz überhaupt sein soll: Ein Ort, an dem auf Kinder erzieherisch positiv eingewirkt werden soll? Wo sie motorische Fähigkeiten lernen können? Ist es ein Schutzraum vor den Gefahren der Außenwelt? Oder sind sie dort gar eingesperrt und sollten befreit werden?

Rostige Nägel, morsche Holzpfosten und scharfe Kanten: Früher, könnte man verklärt sagen, war das Spielen auf Spielplätzen durchaus mit mehr Risiko verbunden – inklusive Ratscher an Armen und Beinen, blutiger Nasen sowie hier und da mal Knochenbrüche. Viele Eltern sitzen am Rand eines Käfigspielplatzes und schwärmen vom unbeaufsichtigten Spiel in der eigenen Kindheit, von Abenteuern auf Brachflächen und Baustellen und mit aufgeschürften Knien erlernten Lektionen fürs Leben. Gleichzeitig möchten viele nicht, dass ihren Kindern Ähnliches widerfährt.

Einige Kommunen investieren viel Geld in die Sanierung alter Spielplätze. In Hamburg werden seit Jahresanfang für rund 2,5 Millionen Euro einige der 750 städtischen Spielplätze streng nach Sicherheitsvorschriften saniert. Spitze Kanten gehören dort mittlerweile der Vergangenheit an. Sind Spielplätze heute deshalb ohne Herausforderung für Kinder, geradezu langweilig, weil alles der Sicherheit untergeordnet wird? Nehmen deshalb die sensomotorischen Fähigkeiten ab, gibt es tatsächlich eine Zunahme von „Frontzahnfrakturen“ besonders bei Jüngeren, weil sie nicht mehr lernen, wie man sich beim Fallen abrollt, wie etwa ein Hamburger Zahnarzt in der Zeit beklagte?

Entdeckung der Kindheit

Diese Fragen verengen den Blick auf die kulturelle und soziale Bedeutung von Spielplätzen. Der Entstehung von Kinderspielplätzen geht die Erkenntnis aus dem 17. Jahrhundert voraus, das Kinder überhaupt spielen sollten. Ein böhmischer Bischoff namens Johann Amos Comenius wies auf die herrschende Not damaliger Kinder hin, dass sie entweder in Armut dahinvegetierten oder in höheren Ständen einem „grausamen Lernzwang“ unterlägen. Dies war der Startschuss für die „Entdeckung der Kindheit“ und der Einsicht, dass die Öffentlichkeit keinesfalls nur den Erwachsenen vorbehalten sein sollte. Kurz darauf entstanden die ersten eingezäunten Flächen in den Großstädten – der Beginn einer Entwicklung, die einen Höhepunkt 1989 fand, als die Vereinten Nationen das „Recht auf Spiel“ in ihre Kinderkonvention aufnahmen.

Bettina Hünersdorf, Professorin für Erziehungswissenschaften, will den Spielplatz nicht einfach nur als einen Platz für Kinder verstanden wissen. „Ein Spielplatz lebt von der Partizipation, auch in der Herstellung. Es ist ein wichtiger Ort für Kinder, mit dem sie sich durch das Spielen identifizieren“, sagt sie. Auch Eltern sollen sich dort wohlfühlen. Denn andere innerstädtische Freiräume, die zum Spielen genutzt werden können, gibt es immer weniger. Grünflächen, vor denen „Betreten verboten!“-Schilder prangen, sind Anzeichen dieser Entwicklung. „Auch gibt es immer weniger Brachflächen, die sich angeeignet werden können“, sagt Hünersdorf. Städtische Nachverdichtung verdrängt die Freiräume.

Damals wie heute sind Spielplätze Produkt moderner Großstädte und künstlich erschaffene Spielwelt – eine von Erwachsenen geschaffene Insel für Kinder. Kinder zum Spielen einzuzäunen, dazu passt auch der Begriff der „verinselten Kindheit“, der in den vergangenen Jahren Einzug in die Soziologie erhalten hat und veranschaulicht damit den mit Terminen vollgestopften Alltag von Kindern, deren Helikopter-Eltern sie ständig begleiten: morgens bis ins Klassenzimmer, nachmittags zum Musikunterricht oder zum Sport – zum freien Herumstromern bleibt wenig Zeit.

Wie angesichts dieser Entwicklung heute ein guter Spielplatz auszusehen hat, darüber herrscht keine Einigkeit. Laut Mathias Buller, beim Hamburger Bezirksamt für Spielplätze zuständig, könne es die auch gar nicht geben. Man müsse vor Ort auf verschiedene Interessengruppen eingehen: Zehnjährige wollen andere Spielgeräte als Kleinkinder. Manche Eltern wollen den Spielplatz von der Wohnung gegenüber einsehen können. Andere befürworten, dass er vor ungewollten Blicken abgeschirmt sein muss.

Und dann sind da noch ganz andere Interessengruppen, die ebenfalls städtischen Freiraum einfordern, ob nun Jugendliche zum Rumhängen oder Senioren, die altersgerechte Geräte zum Fitbleiben wollen. „Nutzungskonflikte nehmen immer mehr zu“, sagt Hünersdorf. Auch der Blick für Barrierefreiheit und Gendergerechtigkeit sei mittlerweile ein Thema. Den perfekten Spielplatz gebe es nicht, da sind sich der praxisorientierte Buller und die Forscherin Hünersdorf einig.

Normierter Drehtaumel

Grundlage aber für alle Spielgeräte sind heute Normen, die nichts dem Zufall überlassen. Die europaweit geltende EN-Normen 1176 regelt die sicherheitstechnischen Anforderungen an Spielgeräte und deren sicherheitstechnische Prüfung, Inspektion und Wartung. Beispiel gefällig? Bei Rutschen müssen die Seitenwangen entlang der Rutschstrecke fortlaufen, bis 1,5 Meter Rutschenhöhe müssen sie mindestens 10 cm hoch sein, bis 2,5 Meter Rutschenhöhe mindestens 15 cm und über 2,5 m Rutschenhöhe mindestens 50 cm hoch.

Bleibt das Risiko bei so viel Norm auf der Strecke? Hünersdorf sagt: „Natürlich gehört auch das Hinfallen dazu.“ Gemeinhin gebe es überzogene Schutzvorstellungen. Und auch Buller sagt: „Niemand will, dass ein Kind vom Spielgerät mit dem Rücken auf eine spitze Kante am Boden fällt.“ Ohnehin seien die Normen bei Spielplatzgeräten ja nicht so weitreichend, dass jegliche Gefahr völlig ausgeschlossen werde. „Dass man sich dort auch mal einen Arm brechen kann, ist durchaus eingeplant“, sagt Buller.

Kürzlich war Buller auf einem Spielplatz an der Ifflandstraße in Hamburg-Nord. Gemeinsam mit anwohnenden Eltern und ihren Kindern wurde dort ein Weidentipi aufgebaut – der ausdrückliche Wunsch nach einer öffentlichen Diskussion mit AnwohnerInnen. Aber selbst das harmlose Tipi biete spannende Möglichkeiten, so Buller. Neben dem Weidentipi sei sofort ein Junge auf das von dort erreichbare Dach über der Rutsche geklettert. Zweieinhalb Meter hoch sei es dort schätzungsweise. Buller sagt: „Dass Kinder dort aufs Dach klettern, war zwar nicht der Plan. Aber es zeigt natürlich, dass Kinder sich von selbst Herausforderungen und Risiken suchen.“

Für Hünersdorf ist das Wichtigste, dass es möglichst viel Raum für Kinder gibt. Trotz der Tatsache, dass es nirgendwo so viele Spielplätze wie in Deutschland gibt – mehr als 40.000 – halten Kommunen und Städte ihre Verpflichtungen, ausreichend Flächen zu schaffen, oft nicht ein. Das aber ist gerade angesichts der zunehmenden Enge von Städten wichtig. Den Bedarf zeigen auch die vielen Indoorspielplätze, die private Betreiber gegenwärtig besonders in Großstädten eröffnen. Während man hier mal schnell zehn oder zwölf Euro Eintritt bezahlt, ist ein kommunaler Spielplatz für alle umsonst.

Ob der aus Sicht von Erwachsenen dann heutzutage vielleicht ein wenig langweilig und risikoscheu erscheint, ist aus Bullers Sicht egal: „Kinder sind viel kreativer, was das Suchen von Spielmöglichkeiten angeht, als Erwachsene meistens glauben.“ Und im Gegensatz zum vorgegebenen Kletterparcours in der Indoor-Halle von privaten Anbietern kann eine wirkliche Identifikation und temporäre Aneignung auf dem öffentlichen Spielplatz noch immer stattfinden.